Hatti – das Reich der Hethiter



Das Hethiterreich in Zentralanatolien erlangte seine Bedeutung vor allem dank einer Vielzahl von Vasallenstaaten, über die der Großkönig von der Hauptstadt Hattuša aus regierte. Das Reich hatte zeitweise eine eindrückliche Ausdehnung, war jedoch häufig von Nachbarn und inneren Zwisten bedroht. Heute werden die Hethiter als die eigentliche frühgeschichtliche Kultur Kleinasiens behandelt. Tatsächlich dauerte ihre Herrschaft aber nur rund 400 Jahre, während die Bronzezeit fast 2000 Jahre umfasst.

Kenntnisstand

Die genaue Herkunft der Hethiter ist unklar. Sie wanderten vermutlich um 2000 v. Chr. in Zentralanatolien ein und vermischten sich dort mit den einheimischen Hattiern. Bis etwa um 1700 v. Chr. konnten die angestammten hattischen Fürsten ihre Vormachtstellung noch bewahren, wobei es jedoch immer wieder zu Konflikten kam.

Die eigentliche hethitische Dynastie beginnt um ca. 1670 v. Chr. Hauptstadt des Reichs war ab der Mitte des 16. Jh. Hattuša im nördlichen Zentralanatolien. Die Stadt, die seit 1906 ausgegraben wird, wurde durch ihre Archive berühmt, aus denen rund 33’000 Tontafeln und Fragmente geborgen wurden.

An der Spitze des Hethiterreichs stand ein Großkönig, der über eine Vielzahl von Vasallenkönigen herrschte. Diese kamen größtenteils aus den angestammten Herrscherhäusern der umliegenden Gebiete und mussten dem Großkönig einen Eid leisten. Die Herrscher Ägyptens, Babyloniens und Assyriens betrachteten den hethitischen Großkönig meist als gleichrangigen Partner, mit dem sie diplomatische Kontakte und Handelsbeziehungen unterhielten, gegen den sie aber auch, falls nötig, in den Krieg zogen. Da das hethitische Gebiet in Syrien an das ägyptische Reich grenzte, kam es auch zwischen Hatti und Ägypten zu Auseinandersetzungen.

Um ca. 1190 v. Chr. brach das Hethiterreich zusammen. Schriften legen nahe, dass sich die militärische Lage an mehreren Fronten zuspitzte und zudem im Land eine Hungersnot ausbrach. Auch Aufstände der Bevölkerung oder Machtkämpfe unter den Vasallenkönigen sind wahrscheinlich. Mit dem Untergang des Hethiterreichs endete die Keilschrifttradition in Kleinasien. In Zentralanatolien entstand kein neues Machtzentrum, die Bewohner kehrten zu einfacher bäuerlicher und teilweise sogar nomadischer Lebensweise zurück.

Anregungen

Die hethitische Nomenklatura

In jedem Buch über die frühgeschichtlichen Kulturen Kleinasiens repräsentieren die Hethiter die Bronzezeit. Die Bronzezeit währte jedoch fast 2000 Jahre, nämlich von etwa 3000 bis ca. 1200 v. Chr. – sie ist übrigens deckungsgleich mit der Zeitspanne, in der Troja als Handelsknotenpunkt fungierte. Das Reich der Hethiter hingegen bestand lediglich 400 Jahre.

Bei den Hethitern scheint es sich im Wesentlichen um eine Führungskaste gehandelt zu haben, die sich über ein Politik- und Verwaltungssystem definierte. Die angestammte, weitgehend luwische und hattische Bevölkerung pflegte ihre Sprachen und Gebräuche unter hethitischer Herrschaft weiter. Die hethitische Herrschaft könnte also vielleicht mit dem Verwaltungssystem des Osmanischen Reichs, mit Jugoslawien unter Tito oder mit der ehemaligen Sowjetregierung verglichen werden. Die zentrale Administration kommt und geht, aber Sprache und Gebräuche der regionalen Bevölkerung ändern sich kaum.

Der dritte Einwand betrifft die Größe des hethitischen Reichs. In den letzten Jahren werden häufig Karten verwendet, die seine maximale Ausdehnung im 13. Jh. v. Chr. zeigen. Diese Größe erlangte das Reich aber nur mit Hilfe von Vasallenverträgen, und auch dies nur für kurze Zeit. Die Hethiter charakterisiert nämlich auch, dass sie mit allen ihren Nachbarn verfeindet waren. Insbesondere die verschiedenen Königreiche im Westen Kleinasiens bereiteten den Großkönigen zu praktisch allen Zeiten Sorgen, während von Norden her die Kaškäer wiederholt plündernd einfielen.

Es ist denkbar, dass die Hethiter die hattischen und luwischen Fürstentümer in Zentralkleinasien eine Zeit lang (vermutlich zum Teil gegen deren Willen) durch eine einheitliche Verwaltung und Politik zu einem Großreich verbanden. Die Bevölkerung innerhalb dieses Großreichs blieb dabei ihren Sprachen und Gepflogenheiten treu – was der Grund dafür sein könnte, dass so viele luwische Lehnwörter und Texte selbst in der Hauptstadt gefunden wurden. Auch die angrenzenden Kleinstaaten banden die Großkönige teilweise durch Vasallenverträge in dieses System ein. Weder die von den Hethitern vereinnahmten Völker noch die Vasallen dürften über diese Situation zu allen Zeiten glücklich gewesen sein. Deswegen gab es fast ständig Spannungen, und zweimal ging das hethitische Reich unter – beim zweiten Mal endgültig.

Literatur

Beal, Richard H. (2011): “Hittite Anatolia: A Political History.” In: The Oxford Handbook of Ancient Anatolia 10,000-323 B.C.E. Sharon R. Steadman & Gregory McMahon (eds.), Oxford University Press, New York, 579-603.
Bryce, Trevor (2005): The Kingdom of the Hittites. Oxford University Press, Oxford, 1-554.
Klengel, Horst (2002): “Die Geschichte des hethitischen Reiches.” In: Die Hethiter und ihr Reich – Das Volk der 1000 Götter. Helga Willinghöfer (ed.), Theiss, Stuttgart, 62-73.
Klinger, Jörg (2007): Die Hethiter. C. H. Beck, München, 1-128.
Krawczuk, Aleksander (1990): Der Trojanische Krieg – Mythos und Geschichte. Urania, Leipzig/Berlin, 1-248.
Rosenkranz, Bernhard (1938): “Die Stellung des Luwischen im Hatti-Reich.” Indogermanische Forschungen 56, 265-284.
Strobel, Karl (ed.) (2008): New perspectives on the historical geography and topography of Anatolia in the II and I millennium. Eothen 16, LoGisma, Florenz, 1-302.


Aus der Art und Weise, wie die hethitischen Schreiber luwische Wörter in hethitischen Texten verwenden, ergibt sich, daß das Luwische im Hatti-Reiche weitgehend als Umgangssprache diente.

Bernhard Rosenkranz 1938, 265

Es scheint nämlich sicher zu sein, daß die Herrschaft der Hethiter niemals bis an die westlichen Grenzen von Asien reichte und schon gar nicht bis zum Hellespont.

Aleksander Krawczuk 1990, 201

Für die Großkönige von Hatti weiter östlich lag der Mittelmeerraum niemals im Brennpunkt des Interesses. Sie richteten ihren Blick fest auf das gebirgige, an Erzen reiche Innere Westasiens.

David Abulafia 2013, 54

Früher wurde das hethitische Land von Feinden verwüstet. Die Kaška kamen aus einer Richtung und machten Nenašša zur Grenze. Arzawa kam Richtung Unteres Land und verwüstete ebenfalls hethitisches Gebiet. Es machte Tanuwa und Uda zur Grenze. Arawanna kam von einer dritten Richtung und verwüstete alles um Kaššiya. Azzi kam aus einer vierten Richtung, verwüstete das Obere Land und machte Šamuḫa zur Grenze. Išuwa kam aus einer fünften Richtung und zerstörte Tegarama. Armatana kam aus einer sechsten Richtung, verwüstete hethitisches Land und machte Kizzuwatna-Stadt zur Grenze.

Dekret von Hattušili III. (ca. 1266-1236 v. Chr.) nach Richard Beal 2011, 585-586 (KBo 6.28 Obv. 6-14, Goetze 1940, 22)