Der Diskos von Phaistos



Der berühmte Diskos von Phaistos ist eines der größten Rätsel der Archäologie. Weder seine Herkunft noch die Bedeutung der Inschrift konnte geklärt werden. Unzählige Spekulationen und Entzifferungsversuche, gerade von Laien, haben dazu geführt, dass sich Wissenschaftler heute ungern – wenn überhaupt – mit dem Diskos befassen. Die Hoffnung bleibt, dass zukünftige Ausgrabungen eines Tages weitere Dokumente im gleichen Stil zutage fördern.

Kenntnisstand

Der Diskos von Phaistos ist eine Scheibe aus gebranntem Ton mit rund 15 cm Durchmesser, die am 3. Juli 1908 bei Ausgrabungen im minoischen Palast von Phaistos nahe der Südküste von Kreta gefunden wurde. Leiter der von italienischen Archäologen durchgeführten Ausgrabung war Luigi Pernier, der jedoch bei der Entdeckung der Tonscheibe nicht zugegen war. Der Diskos ist eines der berühmtesten Fundstücke aus der Bronzezeit und gleichzeitig eines der großen Rätsel der Mittelmeerarchäologie. Er ist mit über 240 spiralförmig angeordneten Menschen-, Tier- und Pflanzenmotiven versehen, die mit einzelnen Stempeln aufgedruckt wurden. Seine ausgereifte Fertigungstechnik mit beweglichen Lettern steht im Gegensatz zur Einzigartigkeit des Fundes. Die wiederverwendbaren Stempel ergeben nur Sinn, wenn sie mehrfach oder sogar häufig eingesetzt wurden. Praktisch alles, was den Diskos betrifft, ist umstritten, bis hin zur Leserichtung und zur Sprache der Schriftzeichen.

Anregungen

Ein luwischer Brief an Nestor

Seriöse Wissenschaftler meiden in aller Regel brisante Themen, an denen sich zu viele Laien versucht haben. Kaum ein Thema ist dabei so verrucht wie der Diskos von Phaistos, weil es schon zahllose Entzifferungsversuche gab.

Die niederländischen Sprachforscher Jan Best und Fred Woudhuizen haben in den letzten Jahrzehnten vieles für sich herausgefunden, was die Rekonstruktionsmodelle von Luwian Studies bestätigt. Dazu zählt auch eine höchst bemerkenswerte Entzifferung des Diskos von Phaistos. Die epigrafische Untersuchung des Teams zeigt, dass die Schreibrichtung von außen nach innen verläuft und dass zuerst Seite A beschrieben wurde. Auf der Basis des Fundzusammenhangs wird ein Datum um 1350 v. Chr. für die Fertigung der Scheibe ermittelt.

Die amerikanische Sprachforscherin Alice Kober hatte bereits bei ihren umfangreichen Forschungen zu Linear B festgestellt, dass verschiedene Zeichen immer wieder in der gleichen Reihenfolge auftauchen und die Folge dann mit abwechselnden anderen Zeichen abgeschlossen wird. Kober ging davon aus, dass die gleichen Abfolgen dem Stamm eines Verbs oder Substantivs entsprechen und die abschließenden Zeichen Fallendungen oder Beugungen sind. Diese Erkenntnis führte schließlich zur Entzifferung von Linear B durch den britischen Architekten Michael Ventris kurz nach Kobers frühem Hinscheiden.

Der Diskos von Phaistos enthält ebenfalls solche fixen Abfolgen mit unterschiedlichen Endungen, und dasselbe trifft auf luwische Hieroglyphen zu. Von den 47 auf dem Diskos verwendeten Zeichen können insgesamt 29 mit luwischen Hieroglyphen korreliert werden. Die Übereinstimmungen gehen so weit, dass ganze Wörter auf dem Diskos sofort auf Luwisch lesbar werden, darunter a-su-wi-ya (B11) für „Aššuwa“. Best und Woudhuizen kamen daher zum Schluss, dass die Schrift des Diskos gar nicht so einzigartig ist, sondern nur eine lokale Variante der luwischen Hieroglyphenschrift darstellt. Unter diesen Umständen ist der Text komplett lesbar.

Gemäß dieser Interpretation werden auf dem Diskos eine Reihe von Orten erwähnt, die noch heute die gleichen Namen tragen: Mesara, Phaistos, Lasithi und Knossos. Auch andere aus der Spätbronzezeit vertraute geografische Namen treten auf, darunter Achaia, Arzawa und Aššuwa. Manche Wörter finden sich auch in akkadischen, Linear-B- oder ägyptischen Hieroglyphentexten. Zwei Personennamen erscheinen sogar über 500 Jahre später bei Homer in einem vergleichbaren Kontext: Nestor von Pylos und Idomeneus von Kreta.

Nicht nur die Schrift, sondern auch die Sprache hat große Ähnlichkeit mit Luwisch. Wenn diese Leseweise stimmt, soll der Text auf dem Diskos einen Streit über Eigentumsrechte am Ort Rhytion in der Nähe von Pyrgos im Südwesten der Ebene von Mesara befrieden: Der griechische König Nestor besitzt ein Fürstentum auf Kreta, das Knossos und Teile der Ebene von Lasithi und der Mesara umfasst. Im Auftrag Nestors herrscht Idomeneus von seinem Sitz in Knossos als Vizekönig über Lasithi und als Gouverneur über die Mesara. Zu seinem Einflussbereich gehören die lokalen Kleinkönige Kuneus für Phaistos und Uwas für das Hinterland von Phaistos. Uwas liegt im Streit mit einem anderen Vasallenkönig über die Kontrolle von Rhytion und möchte, dass Nestor die Sache regelt. Dieser wendet sich offenbar an den Großkönig von Arzawa, dem wohl wichtigsten luwischen Staat. Der König von Arzawa fordert Kuneus auf, Uwas über die Herrschaftsrechte zu informieren.

Der Diskos von Phaistos ist demnach eine Kopie zum Verbleib bei Kuneus in Phaistos. Uwas dürfte ebenfalls ein Exemplar erhalten haben. Die Erstellung mehrerer Exemplare würde auch die Verwendung von Stempeln erklären. In diesem Fall entstand der Diskos vermutlich am Hofe des Königs von Arzawa, also in Apaša nahe Ephesos, und wurde dort von vornherein im lokalen Dialekt, der im luwischen Teil Kretas gesprochen wurde, verfasst. Demzufolge hätten die Luwier vor der Machtübernahme durch die Mykener auf Kreta viel zu sagen gehabt. Nach dieser Hypothese gehörten sogar Teile Kretas dem Aššuwa-Bündnis an, einer Vereinigung luwischer Kleinstaaten.

Ausgrabungen in Apaša könnten möglicherweise weitere Dokumente im Stil des Diskos von Phaistos ans Tageslicht bringen.

Literatur

Achterberg, Winfried et al. (2004): The Phaistos disc: A Luwian letter to Nestor. Dutch Archaeological and Historical Society, Amsterdam, 1-135.
Best, Jan G. P. & Fred Woudhuizen (1988): Ancient scripts from Crete and Cyprus. Publications of the Henri Frankfort Foundation, Brill, Leiden, New York, 1-131.
Mellink, Machteld (1964): “Lycian Wooden Huts and Sign 24 on the Phaistos Disk”. Kadmos 3, 1-7.
Rietveld, Lia (2004): “The Text”. In: The Phaistos disc: A Luwian letter to Nestor. Winfried Achterberg et al. (Hg.), Dutch Archaeological and Historical Society, Amsterdam, 85-95.


In the Mesara is Phaistos.
: To Nestor: great (man) in Achaia,
What Nestor (has), what you (have) under [you],
in my (territory), Lasithi,
in yours and (that) of your king.
In you Tarchunt [Luwian storm god] and His Majesty bring hail.
: Knossos (is) yours, (it is) part of the kingship of the oath of Lasithi,
in whatever (territory) where a yoke of two oxen ploughs for
the town of Lasithi.
: Knossos (is) yours, (it is) part of the kingship of the oath of Lasithi,
In what territory of yours, what (is) part of my dominion, (namely:) Lasithi.
In the Mesara (is) yours and for you: Scheria,
in whatever (territory) where a yoke of two oxen ploughs,
(in) the Mesara, (for) Scheria.

In (the territory) of this, what Nestor (has).
Haddu [Phoenician storm god] brings you life.
Phaistos is of your (territory by) oath, and the Mesara.
Governor of the Mesara [is] Idomeneus.
Of the Assuwian Phaistos Kuneus (is) king.
Of the oath (bound) territory behind Phaistos Uwas (is) king,
and for my father Acharkis (was) king.
Yours under you, : under me : for Nestor, this (is) yours under you.
What Rhytion was of it, of it for Nestor, that (is) yours of it.
This is of you under you (was) of it of the man, of it for my father.
: Rhytion (is) for Nestor.

Text des Diskos von Phaistos nach Lia Rietveld, 2004