Spätbronzezeitliche Fundstätten in Westkleinasien



Obschon in Westkleinasien viele hundert bronzezeitliche Siedlungsplätze bekannt sind, wurden bisher nur zwei von ihnen großflächig ausgegraben. Unser Kenntnisstand beruht daher im Wesentlichen auf Dokumenten der damaligen Zeit, die in Ägypten, Griechenland und Hattuša gefunden wurden. Das Potenzial für künftige Entdeckungen ist jedoch riesig.

Kenntnisstand

Im Westen der Türkei befindet sich eine große Zahl berühmter archäologischer Fundstätten mit langer Grabungsgeschichte und großer touristischer Anziehungskraft. Weitherum bekannt sind unter anderem Ephesos, Pergamon, Milet, Sardes, Aphrodisias, Didyma und Iasos. Fast überall wurden die Siedlungsschichten jedoch höchstens bis zum Beginn der griechischen Kolonisation im 8. Jh. v. Chr. systematisch erforscht, weil Mauern und Fundamente abgetragen werden müssten, um an die darunter gelegenen Schichten zu gelangen. Manche Grabungen legen deswegen sogar nur die obersten byzantinischen Mauern frei. Über die bronzezeitlichen Vorgänger dieser Siedlungsplätze, die einige Meter tiefer verborgen sind, ist trotz beträchtlichem archäologischem Einsatz wenig bekannt.

Aus Westkleinasien, zwischen Antalya im Südosten und Troja im Nordwesten, sind einige hundert Siedlungsplätze bekannt. Allerdings sind davon bisher nur zwei flächendeckend ausgegraben und in einer westlichen Sprache publiziert worden: Troja und Beycesultan. Beide Ausgräber hatten es nicht leicht unter ihren Kollegen; beiden wurden sogar weitere Geländearbeiten in der Türkei untersagt. Das prähistorische Forschungsinteresse galt vor allem Siedlungen an der südwestlichen Ägäisküste der Türkei, die aufgrund ihrer Lage eindeutig mykenisch oder minoisch geprägt sind, darunter Milet, Iasos und Müsgebi. In den letzten Jahren begannen türkische Archäologen mit Ausgrabungen an weiteren rund zwei Dutzend Siedlungsplätzen aus dem 2. Jt. v. Chr. Ihre bisher meistens nur vorläufigen Ergebnisse sind fast ausschließlich auf Türkisch publiziert worden, so dass sich neue Funde und Erkenntnisse noch nicht international durchgesetzt haben. In Ermangelung von weiteren systematischen Untersuchungen ist der Kenntnisstand über die Spätbronzezeit in Westkleinasien noch beschränkt. Was wir wissen, stammt im Wesentlichen aus Dokumenten der damaligen Zeit, die Archäologen bei Ausgrabungen in Ägypten, Griechenland und Hattuša, der Hauptstadt der Hethiter, fanden. Diese Dokumente sind naturgemäß in unterschiedlichen Schriften und Sprachen verfasst, sie verwenden verschiedene Namen für Regionen, Völker und Städte und haben meist eine spezifische lokale Sichtweise und Absicht.

Anregungen

Viele hundert unerforschte Fundstätten

Im Rahmen der Arbeit der Stiftung Luwian Studies wurden in den letzten Jahren etwa 340 spätbronzezeitliche Siedlungsplätze in Westkleinasien systematisch erfasst. Auf dieser Website kann daher erstmals eine Karte der meisten zurzeit bekannten spätbronzezeitlichen Fundstätten rund um die Ägäis gezeigt werden. Selbst der 25 Jahre währende Sonderforschungsbereich „Tübinger Atlas des Vorderen Orients“ (TAVO) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hatte keine Karte der spätbronzezeitlichen Siedlungen erstellt. Aus der Verteilung wird deutlich, dass alle Fundstätten, die wir bis heute vom minoischen Kreta, vom mykenischen Griechenland und vom Großreich der Hethiter kennen, zusammengenommen kaum an die Anzahl der bereits bekannten luwischen Fundstätten heranreichen. Noch beeindruckender als die Zahl der Fundplätze ist aber deren Größe und Artefaktendichte. Es verschlägt einem die Sprache, wenn man zum ersten Mal ein frisch gepflügtes Feld in Çandarlı an der Ägäisküste sieht, das mit Scherben und Resten von Trockensteinmauern übersät ist. Oder wenn man die Ausdehnung der Burganlage von Kaymakçı im Landesinneren abläuft.

Die Lage dieser Siedlungen steht in direktem Zusammenhang zu den natürlichen Ressourcen. Flussläufe, fruchtbare Talauen und Minerallagerstätten zogen Menschen an und förderten deren Reichtum. Die grabenden Prähistoriker hingegen wurden vor allem von architektonischen Resten oder der Chance, Schrift nahe der Oberfläche zu finden, angelockt. Offenbar deswegen haben sie sich bisher auf Festlandgriechenland und Zentralkleinasien konzentriert, also auf die Regionen, die relativ arm an Minerallagerstätten sind. Vergleicht man die Verbreitung von Erzlagerstätten mit der Verteilung der bekannten Fundstätten, stellt sich heraus, dass sich das archäologische Interesse bisher auf die ärmeren Regionen konzentrierte. Bei den Auseinandersetzungen, die um 1200 v. Chr. zum Ende der Bronzezeit führten, könnte jedoch durchaus das Ringen um den Zugang zu den Metallen – und damit zum Reichtum – eine zentrale Rolle gespielt haben. Jedenfalls werden die erzreichen Gegenden in den Dokumenten ausdrücklich genannt. Den Seevölker-Invasionen waren Seeschlachten um Zypern vorangegangen. Und Truppen aus der Troas, aus Makedonien und aus der Region um Sardes werden von Homer ausdrücklich als Gegner der Griechen im Trojanischen Krieg aufgezählt.

Bisher hat man die deutliche Präsenz der mykenischen Kultur im Südwesten Kleinasiens als Beweis für deren wachsenden Einfluss interpretiert. Betrachtet man jedoch die Verbreitung der Lagerstätten, wird auch eine andere Sicht denkbar. Nachdem die Luwier den Mykenern schon jahrhundertelang die Schriftkenntnis vorenthalten hatten, überließen sie ihnen letztlich nur Gegenden, in denen es nichts zu holen gab. Die wirklich reichen Regionen behielten sie für sich. Man könnte noch einen Schritt weiter gehen, indem man gleichzeitig die Verbreitung der Bodenschätze und die (von Homer aufgezählten) Kontingente im Trojanischen Krieg betrachtet. Dann sieht es so aus, als wenn sich diejenigen, die kaum Zugang zu Reichtümern hatten (die Griechen), gegen diejenigen mit großen Reichtümern (die Luwier) auflehnten.

Literatur

Heinhold-Krahmer, Susanne (1977): Arzawa – Untersuchungen zu seiner Geschichte nach den hethitischen Quellen. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg, 1-473.
Joukowsky, Martha Sharp (1996): Early Turkey – Anatolian Archaeology from Prehistory through the Lydian Period. Kendall Hunt, Dubuque, Iowa, 1-455.
Kolb, Frank (2011): “Schliemanns bronzezeitliche Hisarlik-Siedlungen: Ihre Bedeutung im Kontext heute bekannter bronzezeitlicher Siedlungen im westlichen Kleinasien.” Mitteilungen aus dem Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen 9, 41-59.
Mouton, Alice, Ian Rutherford & Ilya S. Yakubovich (eds.) (2013): Luwian Identities: culture, language and religion between Anatolia and the Aegean. Brill, Boston, 1-604.
Singer, Itamar (2011): The Calm before the Storm. Society of Biblical Literature, Atlanta, Georgia, 1-766.
Wittke, Anne-Maria, Eckart Olshausen & Richard Szydlak (2007): Historischer Atlas der Antiken Welt. Der Neue Pauly, special edition. J. B. Metzler, Stuttgart, 1-328.
Yakubovich, Ilya S. (2010): Sociolinguistics of the Luvian language. Brill’s studies in Indo-European languages & linguistics, Brill, Leiden, 1-454.


Das Hethitische wurde nur in einer relativ kleinen Region, vor allem im Inneren des Halysbogen gesprochen. Es war die Sprache der ausgedehnten königlichen Sippe und durchaus Diplomatensprache. Die am weitesten verbreitete anatolisch-autochthone Sprache war das Luwische.

Anne-Maria Wittke et al. 2007, 22

Wenn die formalen Merkmale der luwischen Sprache einmal erkannt sind, sieht man, dass sie in einem riesigen Gebiet, das sich vom Sangarios-Flussbett im nordwestlichen Anatolien bis zum Euphrat-Tal im heutigen Syrien erstreckte, gesprochen wurde.

Ilya Yakubovich 2010, 3

Mit dem 13. Jh. v. Chr. sind die hethitischen Texte, die der königlichen Kanzlei entsprangen, reichlich durchsetzt mit luwischen Fremdwörtern. Im Gegensatz dazu enthalten die luwischen Texte aus Hattuša oder aus den neohethitischen Ländern kein hethitisches Material.

Alice Mouton et al. 2013, 3

Warum verschwand das Hethitische restlos nach dem Zusammenbruch des Großreichs, während Luwisch noch fünf Jahrhunderte weiter erblühte?

Itamar Singer 2011, 719

Gerade weil so viele der Hauptpunkte zurzeit noch heiß umstritten sind und weil es noch Raum für neue Ansätze und neue Lösungen gibt, ist das Thema luwische Kultur und ‚luwische Identität‘ so ein spannendes Forschungsgebiet; und wir können zuversichtlich davon ausgehen, dass es dies auf viele Jahre hinaus bleiben wird.

Alice Mouton et al. 2013, 20