Kleinstaaten in Westkleinasien



Aus Schriftdokumenten wissen wir heute, dass es in der Spätbronzezeit in Westkleinasien rund zwei Dutzend größere und kleinere Königreiche gab. Manche von ihnen waren zumindest zeitweise Vasallenstaaten der Hethiter. Die größte Ausdehnung des hethitischen Reichs (einschließlich seiner Vasallen), wie sie auf den meisten heutigen Karten dargestellt wird, bestand jedoch nur während kurzer Zeit und war keineswegs stabil. Die verbreitete Darstellung eines fast ganz Kleinasien umfassenden hethitischen Großreichs ist daher irreführend.

Kenntnisstand

Die westlichen Nachbarn der Hethiter sind dem Namen nach gut bekannt. Der Begriff Luwiya, der in hethitischen Dokumenten auftaucht, verschwindet jedoch bald. An seine Stelle tritt mehr oder weniger synonym der Name des einflussreichsten luwischen Königreichs: Arzawa. Letzteres bestand im Wesentlichen aus Wiluša, Šeha, Mira, Hapalla und Arzawa im engeren Sinn. Das Kerngebiet von Arzawa lag im Tal des Büyük Menderes (Maiandros in der Antike). Seine Hauptstadt Apaša wird von den meisten Forschern als Vorgängerin des antiken Ephesos interpretiert und in der Gegend der modernen Stadt Selçuk vermutet. Anhand der überlieferten Personennamen lässt sich nachweisen, dass in Arzawa Luwisch gesprochen wurde. Arzawa erreichte seinen machtpolitischen Höhepunkt im 15. und Anfang des 14. Jh. v. Chr., zu einer Zeit, als das Hethiterreich unbedeutend war. Damals war Arzawa die führende Kraft in Kleinasien, und seine Könige pflegten Kontakt mit Ägypten, wie Briefe in den Amarna-Archiven belegen.

Die hethitischen Dokumente nennen ein weiteres Dutzend luwische Königreiche im Westen und Süden Kleinasiens, die zeitweise Vasallen der Großkönige waren, zeitweise aber auch als deren Feinde bezeichnet werden. Dazu zählen neben den bereits genannten Lukka , Karkiša, Pitasa, Tarhuntašša, Kizzuwatna, Walma und Maša. Seit rund fünfzig Jahren diskutieren Experten die relative Lage dieser Königreiche und kommen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen. Unklar bleibt insbesondere die genaue Einordnung des westkleinasiatischen Staats Wiluša, der laut hethitischen Schriftquellen für kurze Zeit (1290–1272 v. Chr.) ein Vasallenstaat des Hethiterreichs war. Manche Forscher gehen heute davon aus, dass Wiluša mit Troja gleichzusetzen ist. Andere lokalisieren es im Südwesten Kleinasiens.

Anregungen

Eine Wissenslücke von 1600 Jahren

Obwohl die Länder im Westen Kleinasiens dank der hethitischen Keilschrifttexte seit langem weitgehend bekannt sind, scheint dieses Wissen bisher so gut wie keinen Einfluss auf die Rekonstruktion der politischen Verhältnisse und Handelsbeziehungen in der ägäischen Bronzezeit gehabt zu haben. Die rund zwei Dutzend mehr oder weniger ausgedehnten Königreiche in Westkleinasien tauchen auf kaum einer Karte mit den spätbronzezeitlichen Zivilisationen des Mittelmeerraums auf. Die meisten Karten zeigen vielmehr ein hethitisches Reich, das sich über fast ganz Kleinasien erstreckt. Diese Situation galt vermutlich nach 1300 v. Chr. tatsächlich während kurzer Zeit. Die Bronzezeit umfasst jedoch 2000 Jahre, während das Großreich der Hethiter nur für insgesamt etwa 400 Jahre bestand und sich dabei im Wesentlichen auf Zentralkleinasien beschränkte. Außerdem gab es eine Unterbrechung der hethitischen Herrschaft: Von etwa 1450 bis 1380 waren die Hethiter bedeutungslos.

Die heute gebräuchlichen Karten mit der riesigen Ausdehnung des hethitischen Reichs gegen Westen erwecken den Eindruck, die hethitischen Großkönige seien übermächtig gewesen – und sie verschleiern unseren Wissensmangel in Bezug auf diese Region. Tatsächlich bereiteten die Nachbarn im Westen den hethitischen Großkönigen viel Ärger. Gleich zweimal trugen sie zum Untergang des hethitischen Reichs bei. Geografische Ausdehnung entspricht nicht immer der tatsächlichen Macht. Eine Karte mit der Ausdehnung des deutschen Kaiserreichs von 1918 würde auch kaum implizieren, dass diese Nation gerade einen Weltkrieg verloren hatte.

Folgende Fragen sind bis heute offen: Wer lebte in Kleinasien während der 1600 Jahre der Bronzezeit, bevor sich das hethitische Großreich formierte? Wer führte den Niedergang des Alten Reichs der Hethiter um ca. 1450 v. Chr. herbei? Und wer hatte anschließend in Kleinasien das Sagen? Es fällt auf, dass das Alte Reich der Hethiter ungefähr gleichzeitig mit der minoischen Kultur an Bedeutung einbüßte. Vom Machtverlust Kretas profitierten die mykenischen Kleinkönigreiche, und vom vorübergehenden Verfall des Großreichs Hatti zogen höchstwahrscheinlich die Kleinstaaten in Westkleinasien Vorteile. Auch wenn diese Machtablösungen nahezu zeitgleich stattfanden, müssen sie nicht ursächlich miteinander verknüpft gewesen sein. Aber hat je jemand die Frage gestellt, ob sie es doch sein könnten?

Vom Totentempel Amenophis’ III. im heutigen Kom el-Hettan am Westufer des Nils ist nur wenig übrig geblieben – abgesehen von den Memnonkolossen beim Eingangstor, zwei massiven, 18 Meter hohen Steinstauten von Amenophis. Bereits während der Regierungszeit von Merenptah (1213–1203 v. Chr.) wurde der Tempel als Steinbruch benutzt. Im Rahmen der Grabungen von 2004/05 förderten Ingenieure und Fachleute unter der Leitung der Archäologen Hourig Sourouzian und Rainer Stadelmann aus dem Sumpf einen fast 20 Tonnen schweren Block zutage. Er zeigt Darstellungen von Gefangenen, deren Köpfe mit Namen von angeblich besiegten fremden Ländern und befestigten Städten umschrieben sind. Laut den Ausgräbern finden sich ein Syrer, ein Mesopotamier, ein Hethiter und zwei weitere Männer eher „asiatischen“ Typs. Alle sind mit einem Papyrus um den Hals zusammengefesselt. Der bartlose Hethiter wird von einem langhaarigen Mann gefolgt, der Isywa repräsentiert, dahinter geht ein kahlköpfiger Mann aus Arzawa. Die Ausgräber vermuteten, Isywa könnte eine frühe Form von Asia sein, zur damaligen Zeit eine Küstenregion in Westlkeinasien.

Eine echte Sensation war die Entdeckung neuer Quarzitfundamente beim nördlichen Säulengang des Peristylhofs. Auf diesen Blöcken sind fremde Völker dargestellt, die den Menschen aus der Ägäis ähneln, die im letzten Jahrhundert gefunden werden. Kopf, Körper und Name sind genau eingemeißelt, aber nicht detailliert ausgearbeitet. Die Ausgräber interpretierten die Namen als Luwien, Groß-Ionien und Mitanni. Andere Forscher schlugen stattdessen Arawanna, Maša und Mäonien vor. Sämtliche Lesarten deuten jedenfalls auf Regionen in Kleinasien hin und zeigen damit, dass die Ägypter im 14. Jh. v. Chr. klare Vorstellungen von der politischen Geografie Westkleinasiens hatten.

Literatur

Bossert, Helmut Theodor (1946): Asia. Literarische Fakultät der Universität Istanbul, vol. 323, Forschungsinstitut für altvorderasiatische Kulturen, Istanbul, 1-184.
Bryce, Trevor (2006): The Trojans and their Neighbours. Routledge, London, 1-225.
Goetze, Albrecht (1957): Kleinasien. Handbuch der Altertumswissenschaft – Kulturgeschichte des alten Orients. Vol. 3.1.3.3.1, C. H. Beck, München, 1-228.
Roosevelt, Christopher H. (2011): “Central Lydia Archaeological Survey: 2009 Results.” Araştırma Sonuçları Toplantısı 28, 55-74.
Starke, Frank (2002): “Das Hethitische Reich und seine Nachbarn im 15.-14. Jh. v. Chr.” (map). In: Die Hethiter und ihr Reich – Das Volk der 1000 Götter. Helga Willinghöfer (ed.), Theiss, Stuttgart, 375.
Zangger, Eberhard (1994): Ein neuer Kampf um Troia – Archäologie in der Krise. Droemer, München, 1-352.


Das luwische Gebiet umfasst die Arzawa-Länder, die alle Wissenschaftler, unabhängig von unterschiedlichen Ansichten im Detail, an der Mittelmeerküste Kleinasiens lokalisieren. Basierend auf Eigennamen in griechischen und römischen Inschriften kann angenommen werden, dass es von Lydien im Westen bis an die Grenzen von Syrien im Osten reichte.

Albrecht Goetze 1940, 8

Unter den westanatolischen Gebieten ragt das Land namens Arzawa heraus. Das Land erscheint mehrmals in den Texten aus Hattuša, oft in Konflikt mit dem Reich Hatti.

Trevor Bryce 2011, 363

Früher einmal hatte der labarna, mein Vorfahr, das ganze Land Arzawa und das ganze Land Wilusa unterworfen. Später führte deshalb das Land Arzawa Krieg; jedoch kenne ich, da doch das Ereignis lange zurückliegt, keinen König des Landes Hattusa, von dem das Land Wilusa abgefallen ist. Doch (selbst) wenn das Land Wilusa vom Land Hattusa abgefallen ist, ist man indes aus der Ferne den Königen des Landes Hattusa eng befreundet gewesen und hat ihnen regelmäßig Gesandte geschickt.

Brief des hethitischen Großkönigs Muwattalli II. an Alaksandu von Wiluša, um 1280 v. Chr. Nach Hubert Cancik 2002, 75

Und wenn Sie im Voraus von einem bösen Plan zu revoltieren hören und entweder ein Mann aus dem Šeḫa-Flussland oder ein Mann aus Arzawa die Revolte ausführt … aber Sie [mir] nicht davon schreiben, so verletzen Sie den Eid.

Brief des hethitischen Großkönigs Muwattalli II. an Alaksandu von Wiluša, um 1280 v. Chr. Nach Gary Beckman 1999, 89-90

Der Name „Asia“ knüpfte sich in griechisch-historischer Zeit zwar zunächst an Lydien, doch war die Erweiterung des Asia-Begriffes zum Erdteil seitens der ionischen Geographen nur deshalb möglich, weil in der Erinnerung der Bewohner Westanatoliens ein einst größeres „Asia“ fortlebte. Dieses Land Asia, so nannten es die Landeseinwohner schon in der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v. d. Z., wurde von den Hethitern der Großreichszeit in ihrer Sprache als „Aššuua“ [eine Allianz luwischer Kleinkönigreiche] bezeichnet und umfasste zeitweise fast die gesamte Westküste Anatoliens. Es war ein als Großmacht anzusprechender Staat, der rege Handelsbeziehungen mit dem fernen Ägypten unterhielt und Waffengänge mit dem hethitischen Reich nicht scheute. … Die mykenischen Griechen, deren Einwanderung nach Westkleinasien etwa um 1500 v. Chr. begann, hörten den Namen „Asia“ von den Einheimischen noch zu einer Zeit, als er ein großes Reich bezeichnete, dessen Ausdehnung nach Osten die zunächst in Meeresnähe siedelnden Griechen gar nicht abzuschätzen vermochten.

Helmut Theodor Bossert 1946, iv