Die etruskische Kultur



Bereits im antiken Griechenland bestand die Theorie, dass das Volk der Etrusker im nördlichen Mittelitalien ursprünglich aus Westkleinasien stammte. Neuere Erkenntnisse, etwa durch die Genforschung, unterstützen diese These. Auch Grabarchitektur, Ingenieurskunst und Sprache deuten darauf hin, dass die etruskische Kultur anatolische Komponenten enthält.

Kenntnisstand

Die Herkunft der Etrusker, die im nördlichen Mittelitalien lebten, wird bis heute diskutiert. Die etruskische Kultur hat sich auf dem Boden Etruriens entwickelt, doch es ist unklar, ob sie aus der bestehenden Bevölkerung heraus oder durch Einwanderung entstand. Auch die Herkunft der Sprache konnte nicht eindeutig ermittelt werden.

Bereits im Altertum bestanden zu diesen Fragen zwei verschiedene Hypothesen: Ein Teil der Wissenschaftler vertritt die These, dass die Etrusker aus dem kleinasiatischen Lydien stammen und nach 1000 v. Chr. in das Gebiet der heutigen Toskana einwanderten. Für diese Theorie sprechen eine Verwandtschaft der Sprachen und der Kunst. Auch Genforschung stützt seit neuerem die These: Gensequenzen haben gezeigt, dass sogar ein Teil der toskanischen Rinder am ehesten mit solchen aus Nordwestkleinasien verwandt ist.

Andere Forscher nehmen an, dass sich die etruskische Kultur in Mittelitalien aus der Villanova-Kultur entwickelt hat. Diese Theorie wird durch den nahtlosen Übergang der Villanova-Kultur in die etruskische Kultur unterstützt. Dionysios von Halikarnassos vertrat diese Theorie bereits im 1. Jh. v. Chr. Eine verbreitete Annahme ist heute, dass die Villanova-Kultur aus ansässigen Bauern, phönizischen Seefahrern und indogermanischen Italikern hervorging. Als sich Einwanderer aus Kleinasien (Tyrrhener) mit dieser Bevölkerung vermischten, entwickelte sich aus dem Amalgam die etruskische Kultur.

Anregungen

Wurzeln in Westkleinasien

Im antiken Griechenland herrschte die weitverbreitete Ansicht, dass die Etrusker ursprünglich aus Nordwestkleinasien stammten. Herodot berichtet (1.94), Auswanderer aus Lydien hätten die späteren etruskischen Siedlungen in Mittelitalien gegründet. Sie kannten sich mit der Seefahrt, dem Handel und dem Kunsthandwerk aus und legten damit die Basis für die etruskische und die anschließende römische Kultur. Aeneas, ein Abkömmling des trojanischen Herrschergeschlechts, gilt als Stammvater der auf die Etrusker folgenden Römer.

Die Hypothese, dass einige Luwier im Anschluss an die Krisenjahre im heutigen Italien siedelten, lässt sich mit archäologischen Funden untermauern. Besonders in der monumentalen Grabarchitektur und den Grabbeigaben gibt es eindeutige Parallelen mit Kleinasien; und solche Traditionen werden ausgesprochen langsam aufgegeben. So weisen die mächtigen Totenhügel in Mittelitalien eine frappierende Ähnlichkeit mit den ausgedehnten Tumulus-Feldern in der Umgebung der alten phrygischen und lydischen Hauptstädte auf. Wie ihre spätbronzezeitlichen Vorläufer bildeten die einzelnen etruskischen Städte nie ein Gemeinwesen. Sie blieben als eigenständige Stadtstaaten bestehen, die sich allenfalls zu einem lockeren Städtebund zusammenschlossen.

Auch die etruskische Ingenieurskunst entspricht den Leistungen der Spätbronzezeit. In Italien widmeten sich ganze Schulen eigens dem Unterricht im Wasserbau. Selbst nachdem die Römer Etrurien unterworfen hatten, zogen sie die Absolventen dieser Schulen bei schwierigen technischen Bauten zurate. Die Hauptaufgabe bestand darin, Feuchtgebiete in Talauen und Küstenebenen trockenzulegen und das überschüssige Wasser mit Hilfe komplizierter Kanalsysteme dorthin zu führen, wo es zu trocken war. Bei Orbetello in der toskanischen Provinz Grosseto wurde eine einzigartige Küstenregulierung angelegt, die noch heute funktioniert. Wohldurchdachte Konstruktionen künstlicher Kanäle und Tunnel leiten Strömungen und Gegenströmungen abwechselnd, so dass die Anlage nicht verlanden konnte.

Vor allem aber scheint die etruskische Sprache so eng mit den indoeuropäischen Sprachen Kleinasiens verwandt zu sein, dass Sprachwissenschaftler Etruskisch schon als „koloniale luwische Sprache“ interpretiert haben. Eine ganze Reihe etruskischer Vokabeln und Personennamen entspricht luwischen Gegenstücken. Eine solche Verwandtschaft signalisiert auch der sogenannte Diskos von Magliano, eine kreisförmige Bleischeibe mit 8 cm Durchmesser, die vermutlich um 1883 bei Raubgrabungen in der Provinz Grosseto in der Toskana ans Tageslicht kam. Sie stammt wahrscheinlich aus einem Gräberfeld aus der Zeit des 7. bis 3. Jh. v. Chr. und ist heute im Archäologischen Museum in Florenz ausgestellt. Die Scheibe ist auf beiden Seiten in spiralförmiger Anordnung Richtung Zentrum gehend mit etruskischer Schrift graviert. Mit rund siebzig Wörtern ist dies einer der längsten etruskischen Texte. Form und Art erinnern sehr an den Diskos von Phaistos.

Literatur

Barbujani, Guido (2005): “Die Etrusker – eine populationsgenetische Studie.” In: Gene, Sprachen und ihre Evolution. Günter Hauska (ed .), Universitätsverlag, Regensburg, 185-196.
Barker, Graeme & Tom Rasmussen (2000): The Etruscans. Blackwell, Oxford, 1-379.
Brandenstein, Wilhelm (1937): “Die Herkunft der Etrusker.” Der alte Orient 35 (1), 1-41.
Pellecchia, Marco et al. (2007): “The mystery of Etruscan origins: novel clues from Bos taurus mitochondrial DNA.” Proceedings of the Royal Society B 274 (1614), 1175-1179.
Prayon, Friedhelm (1996): Die Etrusker – Geschichte, Religion, Kunst. C. H. Beck, München, 1-127.
Woudhuizen, Frederik Christiaan (2008): Etruscan as a colonial Luwian language. Institut für Sprachen und Literaturen der Universität Innsbruck, Abteilung Sprachwissenschaft, Innsbruck, 1-499.


Dann hätten sie gelost und der eine Teil sei aus dem Lande gezogen und ans Meer nach Smyrna gelangt, wo sie sich Schiffe verschafften, in welche sie alles brauchbare Hausgerät hineinbrachten und dann abfuhren, um sich einen Lebensunterhalt und ein Land zu suchen: So fuhren sie an vielen Völkern vorbei, bis sie zu den Umbrikern [nach Etrurien] kamen.

Herodot, Historien 1.94 (Bähr)

Zu dieser Zeit waren zwei Brüder, Lydos und Tyrrhenos, Könige von Lydien. Wegen der Unfruchtbarkeit ihrer Äcker sahen sie sich gezwungen zu losen, wer von ihnen mit einem Teil des Volkes die Heimat verlassen sollte. Das Los fiel auf Tyrrhenos. Er segelte nach Italien und gab der dortigen Gegend, den Bewohnern und dem Meer seinen eigenen Namen.

Velleius Paterculus, Historia Romana 1.1.4 (Giebel)

Die Stadt Rom gründeten und bewohnten, wie meine Quellen lauten, zuerst Trojaner, die unter Aeneas’ Führung heimatflüchtig ohne bleibende Stätte umhergeirrt waren.

Sallust, De Catilinae coniuratione 6.1-3 (Dietsch)

Ich bin erstaunt, dass die Italiener sich gegen mich verbünden, wo wir doch unsern gemeinsamen Ursprung in den Trojanern haben und mir wie ihnen daran gelegen ist, das Blut des Hektors an den Griechen zu rächen.

Sultan Mehmed II. an Papst Pius II. laut Michel de Montaigne (1580), Essais 2.36 (Stilett)