Lydien



In Lydien, in der Region des luwischen Königreichs Šeḫa-Flussland, haben Archäologen mit Kaymakçı eine Burg ausgegraben, die fast fünfmal so viel Fläche umfasst wie Troja VI. Dennoch unterscheidet sich die Fundstätte so deutlich von anderen luwischen Siedlungen, dass sie kaum über längere Zeit das einzige Zentrum dieser wohlhabenden Region gewesen sein dürfte.

Kenntnisstand

Laut den Dokumenten aus Hattuša war Šeḫa bzw. das Šeḫa-Flussland – das spätere Lydien – eines der prominentesten luwischen Kleinkönigreiche der Spätbronzezeit. Die Forscher sind sich einig, dass sein Zentrum im Tal des Gediz (der Fluss Hermos in der Antike) lag. Ebenso klar ist, dass Sardes ein zentraler Ort der Region war. Sardes lag an einer wichtigen Ost-West-Verbindung, nämlich jener, die sich von Ephesos an der Ägäisküste bis zum 2500 Kilometer entfernten Susa am Persischen Golf erstreckte. Entlang dieser Straße strömten Waren und mit ihnen wohl auch in erheblichem Umfang Wissen von Babylon nach Westkleinasien und von dort weiter zu den Küstenstädten der Ägäis. Die erhaltenen Architekturdenkmäler und Felsfassaden in Lydien stellen denn auch eine eigenwillige Mischung aus orientalischen und ägäischen Traditionen dar.

Ausgrabungen amerikanischer Archäologen in Sardes belegen, dass eine Siedlung an diesem Ort mindestens seit dem 3. Jt. bestand und dass spätbronzezeitliche Traditionen in den sogenannten dunklen Jahrhunderten der frühen Eisenzeit weiter gepflegt wurden. Neben dem florierenden Ost-West-Handel beruhte der ungewöhnliche Reichtum von Lydien in erster Linie auf den reichhaltigen Bodenschätzen, aber auch auf einem hochstehenden Kunsthandwerk, der Herstellung feiner Stoffe und auf großen Viehbeständen.

Seit 2005 wird die Region um den Gygischen See etwa 10 km nördlich von Sardes systematisch archäologisch erforscht. Im Rahmen des Surveys unter der Leitung von Christopher H. Roosevelt und Christina Luke von der Boston University entdeckten Archäologen mindestens vier (zwei große und zwei kleine) Burganlagen, die wohl um 1700 v. Chr. entstanden und bis 1200 v. Chr. bewohnt waren. Die beiden kleineren Burgen (Kızbazı Tepesi und Gedevre Tepesi) bedecken eine Fläche von je 1 ha. Die zweitgrößte Burg (Asartepe) umfasst 3,8 ha Fläche, und bei Kaymakçı, der größten und komplexesten der vier Anlagen, umschließen die Festungsmauern sogar eine Fläche von 8,6 ha, womit sie fast fünfmal so groß ist wie die Burg von Troja VI. Kaymakçı umfasst den gesamten unteren Gipfel des Höhenrückens Gül-Dağ am Westufer des Gygischen Sees. Die Burg besteht aus terrassenförmig angelegten, exzentrischen Ringen, wobei eine mandelförmige Plattform von 35 x 60 m Fläche die höchste und am besten geschützte Fläche bildet. Innerhalb der Festung sind noch zahlreiche Mauerreste erhalten, darunter auch ein Megaron-ähnliches Gebäude von 14 x 18 m Grundfläche. Weit verbreitete Keramik außerhalb der Festungsmauern wird als Indiz für eine ausgedehnte Unterstadt interpretiert. Aufgrund seiner Größe und Komplexität gilt Kaymakçı als zentraler Ort und Machtzentrum des lokalen Siedlungsnetzes und der ganzen Region, womit es nach Aussagen der untersuchenden Archäologen das wahrscheinliche Zentrum des Šeḫa-Flusslandes wäre.

Anregungen

Eindrucksvolle Burganlagen auf Berggipfeln

Bei aller Begeisterung über die Entdeckung von Kaymakçı sollte nicht vergessen werden, dass die Burg und ihre Nachbarn von ihrer Lage her kaum Gemeinsamkeiten mit den restlichen luwischen Siedlungen haben. Inzwischen lässt sich sogar mathematisch nachweisen, dass die Luwier fast ausschließlich am Rand von fruchtbaren Talauen und in unmittelbarer Nähe von fließendem Wasser siedelten – und diese Standorte kontinuierlich oft für mehr als ein Jahrtausend bewohnten. Kaymakçı hingegen ist nicht allmählich gewachsen, sondern eine nüchtern geplante Anlage noch dazu auf einem Berggipfel, fernab von fließendem Wasser. Ihre Errichtung zeugt von zentraler Planung (Wissen), Umsetzungspotenzial (Macht) und Schutzbedürfnis (also Bedrohung). Es ist keine Tellsiedlung, in der sich zahlreiche Siedlungsschichten übereinander gehäuft haben. Im Gegenteil, an vielen Stellen ist der nackte Fels nur von wenigen Zentimetern Staub bedeckt. Demnach dürfte Kaymakçı kaum für lange Zeit das einzige Zentrum der Region gewesen sein. Vielleicht war es ein alternativer oder temporärer Regierungssitz in Zeiten der Bedrohung (eine Art Camp David) oder eine Zufluchtsburg für die Bewohner der Region an der Gabelung von zwei wichtigen Passstraßen. Wir bei Luwian Studies sind der Überzeugung, dass in dieser Region noch viel größere Entdeckungen gemacht werden könnten. Darunter vielleicht sogar der tatsächliche Königssitz.

Herodot behauptet, die lydischen Dynastien hätten zu dem Zeitpunkt begonnen, als Agamemnon in Mykene König wurde (also etwa um 1216 v. Chr.), und hätten über 22 Generationen hinweg regiert, als ihr letzter Herrscher – der unselige Krösus – den Thron bestieg. Krösus regierte etwa 555-541 v. Chr. Herodot (1.3) erwähnt eine Zeitspanne von 505 Jahren für die lydischen Dynastien, rechnet selbst aber eigentlich drei Generationen auf 100 Jahre. Die Summe aus dem Jahr des Regierungsantritts von Krösus (555) und der Anzahl Jahre für 22 Generationen (733) wäre 1288. Demnach gab es offenbar tatsächlich noch zu Herodots Zeiten Erinnerungen, die das gesamte „dunkle Zeitalter“ überspannten.

Die Namen der lydischen Könige (Sadyattes, Alyattes) gehören sprachlich zum gleichen Typus wie die der luwischen Dynasten (Maduwattas) aus der Zeit der letzten Hethiterkönige. Darin kommt erneut zum Ausdruck, dass die früheisenzeitlichen Staaten in Westkleinasien an spätbronzezeitliche Traditionen anknüpften.

Literatur

Roosevelt, Christopher H. (2009): The archaeology of Lydia, from Gyges to Alexander. Cambridge University Press, Cambridge, New York, 1-314.
Roosevelt, Christopher H. & Christina Luke (2010): “Central Lydia Archaeological Survey: 2008 Results.” Araştırma Sonuçları Toplantısı 27 (2), 1-24.
Marek, Christian & Peter Frei (2010): Geschichte Kleinasiens in der Antike. C. H. Beck, München, 1-941.
Schwertheim, Elmar (2005): Kleinasien in der Antike. Von den Hethitern bis Konstantin. C. H. Beck, München, 1-127.


Natürlich dürfen wir nicht einfach auf der Grundlage dessen, was wir vorgeschlagen, sagen, „die Lyder waren Luwier“ … Luwisch galt nur als Bezeichnung der Lyder, die sich als die Stärkeren erwiesen hatten. Die neue Interpretation bietet eine willkommene Bestätigung, dass der Name Luwier im Westen bereits früher existiert hatte.

Robert Beekes 2003, 48–49