Benoît de Sainte-Maure



Im 12. Jh. verfasste Benoît de Sainte-Maure seinen Roman de Troie, eine Erzählung des Trojanischen Kriegs in Versen. Er stützte sich dabei ausdrücklich auf die Werke von Dares und Diktys, wobei jedoch zahlreiche Details in seinem Text in den uns heute bekannten Versionen von Dares und Diktys nicht enthalten sind. Anscheinend gab es noch im Mittelalter eine andere, ausführlichere Version des Dares. Sicher ist, dass ein ganz anderes Bild von Troja vorherrschte, als wir es heute kennen und als die bisherigen Grabungen zutage gefördert haben.

Kenntnisstand

Benoît de Sainte-Maure (gestorben 1173) war ein französischsprachiger Autor aus Sainte-Maure in der Grafschaft Touraine, einem der Lehen des englischen Königshauses auf französischem Boden. Im Auftrag des englischen Hofs von Heinrich II. Plantagenet und seiner Gattin Eleonore von Aquitanien verfasste Benoît um 1170 den Roman de Troie, was übersetzt nicht etwa „Trojaroman“ heißt, sondern „Die Geschichte von Troja in romanischer Sprache“. Es handelt sich um eine 30’300 Verse umfassende Erzählung der Geschichte des Trojanischen Kriegs. Als Vorlage dienten ihm die Historia de excidio Troiae des Dares Phrygius und die Ephemeris belli Trojani von Dictys Cretensis, die beiden wichtigsten Quellen zu Troja während des Mittelalters. Von diesen übernahm Benoît jedoch nur den groben Rahmen, den er phantasievoll und geschickt mit Liebesgeschichten, ritterlichen Kampfszenen und gelehrten Exkursen anreicherte. Auf der Grundlage des Roman de Troie entstand 1287 die Historia destructionis Troiae des Guido de Columnis in lateinischer Sprache, aus der dann wiederum zahlreiche Übertragungen in verschiedene Volkssprachen Europas hervorgingen.

Anregungen

Kein Sterblicher hat je eine Stadt gesehen, die so riesig und so wohlhabend war

Benoît selbst nennt Dares als seine Quelle für den Stoff (Vers 125-126) bis zur Zerstörung Trojas, wobei er sagt, dass dies ein sehr seltenes Buch sei – obwohl der uns heute überlieferte Dares-Text zu Benoîts Zeit weit verbreitet war. Er sagt auch, dass er sich genau an die Vorlage halten werde, obwohl seine Darstellung weit über den überlieferten Dares-Text hinausgeht. Dies sind Hinweise darauf, dass es zur Zeit Benoîts noch eine ausführlichere Version von Dares gab. 500 Jahre vor Benoît (nämlich um 660) entstand die Fredegar-Chronik. Darin befindet sich eine Übertragung der Chronologie des Eusebius, der wiederum weitere knapp 400 Jahre früher lebte (ca. 260-340). In der Fredegar-Chronik ist ein Titel Historia Daretis Frigii de Origine Francorum eingeschoben, der nicht mit der uns bekannten Historia de excidio Troiae des Dares identisch ist. Möglicherweise hat Benoît eine andere Version des Dares als Hauptquelle verwendet.

Zu Benoit’s Zeit existirte noch ein ausführlicherer (lateinischer) Dares-Text.

Gustav Körting 1874, 70

Kurzum, es ist durchaus denkbar, dass es noch im Mittelalter verschiedene griechische und lateinische Fassungen der Historia des Dares gab. Dies würde die große Diskrepanz zwischen dem enormen Respekt, den antike Historiografen vor Dares hatten, und der Verachtung, die Historiker des 19. und 20. Jh. seinem uns erhaltenen Werk gegenüber äußerten, erklären.

Viele Passagen Benoîts sind nicht in den uns heute bekannten Versionen von Dares und Diktys zu finden, wobei die Detailgenauigkeit oft bemerkenswert ist. Benoît de Sainte-Maure schrieb Altfranzösisch; eine Übertragung in heutiges Französisch hat Emmanuèle Baumgartner (1987) herausgegeben. Darin heißt es unter anderem (Vers 2863-3186):

Die Gelehrten lesen in ihren Büchern – und das ist auch heute noch eine durchaus anerkannte Tatsache –, dass es auf der ganzen Welt nie eine Stadt gab, die mit Troja zu vergleichen gewesen wäre. Dies gilt für ihre Schönheit, ihre Größe, die Fülle an Rohstoffen und ganz einfach ihren Überfluss. … Die Trojaner hatten ihre Stadt verwüstet aufgefunden, aber sie bauten sie hundertmal besser wieder auf, indem sie eine Stadt von vollkommener Schönheit und nobler Erscheinung errichteten. … Um die ganze Stadt herum ragten hohe Türme auf, die aus einer Mischung von Kalk und Sand geformt waren. … Man hatte mehr als tausend Häuser gebaut, die für die Könige und Aristokraten bestimmt waren. Das am schlechtesten befestigte hätte sich nicht vor allen Streitkräften des Königreichs Frankreich gefürchtet. … Die Bevölkerung der ganzen umliegenden Länder war eingeladen worden, in die Stadt zu kommen und dort zu leben. Und all diese Leute hatten sie so dicht bevölkert und mit Häusern überdeckt, dass es Euch ohne jeden Zweifel drei Tage und mehr gekostet hätte, ganz um sie herumzugehen.

Dieses Troja hat mit dem homerischen Troja wenig und mit dem auf Hisarlık ausgegrabenen eigentlich gar nichts mehr gemeinsam. Es handelt sich um eine einzigartige, ausgedehnte und wohlhabende Stadt – nichts dergleichen ist bis heute in der archäologischen Feldforschung in der Troas gefunden worden. Eine einfache Erklärung wäre natürlich, dass sich auch nichts finden ließe, weil sich Benoît diese Stadt ausgedacht und sie entsprechend ausgemalt hat. Allerdings bezieht er sich immer wieder konkret auf seinen Informanten Dares, von dem er ausdrücklich sagt, dass „er sich nicht irrt“, zum Beispiel wenn er die Namen der sechs Tore aufzählt oder den außerordentlichen Reichtum des Altars im Palast des Priamos beschreibt.

Literatur

Baumgartner, Emmanuèle (1987): Le roman de Troie. Librairie Générale Française, Paris, 1-669.
Collins, Roger (2007): Die Fredegar-Chroniken. Monumenta Germaniae Historica, Studien und Texte 44, Hahnsche Buchhandlung, Hannover, 1-152.
Jäckel, Rudolf (1875): Dares Phrygius und Benoit de Sainte-More – ein Beitrag zur Daresfrage. Barth, Breslau, 1-65.
Jung, Marc-Renè (1992): Die französische Trojalegende im Mittelalter. Universität Zürich, Zürich, 1-15.
Körting, Gustav (1874): Dictys und Dares: ein Beitrag zur Geschichte der Troja-Sage in ihrem Übergang aus der antiken in die romantische Form. Lippert, Halle an der Saale, 1-119.


Der Titel, Roman de Troie, ist nämlich mit ‚Trojaroman‘ ungenau übersetzt. Roman de Troie heisst: Geschichte Trojas in romanischer, d. h. französischer Sprache.

Marc-René Jung 1992, 12

Es ist nichts in dem Werke Benoîts vorhanden, was uns nötigt, die uns unter dem Namen Dares erhaltene Schrift als Quelle anzusehen, vielmehr bezeugt die Gesammtheit jener Stellen, an denen Benoît wesentlich über unseren Dares hinausgeht, eine Abhängigkeit von einer ausführlicheren Vorlage, die mit dem aus unserem Dares-Text zu erschliessenden Original desselben identisch ist.

Rudolf Jäckel 1875, 63

In Asien liegt eine Stadt der Trojaner, diese Stadt heisst Ilium und dort herrschte Aeneas. Das Volk war tapfer und stark, die Männer voll unbändiger Kriegslust und stets waren sie in Kämpfe verwickelt, bis sie die Nachbarschaft im Umkreis unterworfen hatten. Da erhoben sich die Könige der Griechen mit einem grossen Heer gegen Aeneas und kämpften gegen ihn in einer schrecklichen Schlacht und viel Volk der Trojaner kam dort um.

Die Fredegar-Chroniken (um 660), Roger Collins 2007

Abseits erhob sich Ilion, die Hauptfestung Trojas. Priamus ließ sie für seinen persönlichen Gebrauch erbauen und – so seid versichert – nie mehr danach gab es einen Sterblichen, der fähig gewesen wäre, etwas Vergleichbares zu errichten. Die Festung war an der höchsten Stelle Trojas emporgezogen worden, und wer sie konstruiert hatte, war wirklich ein Meisterarchitekt! Sie sah aus wie ein aus einem einzigen Block gehauener Fels, der zirkelförmig ausgemeißelt war und sich zu seiner Spitze hin verengte – doch sogar dann erreichte sein Umfang fünfhundert toises [1000 Meter] und mehr – so war Ilion. Von dort aus überblickte man das ganze Land, und wenn man diesen Felsen von unten her betrachtete, schien er so hoch zu sein, dass man hätte glauben können, er rage bis zu den Wolken hinauf.

Benoît de Sainte-Maure 1170, Roman de Troie 2863-3186

Denn dort der Wall, der euch die Stadt kühn schützt, die Türme dort, die keck mit Wolken schmusen, das alles muß den eignen Fuß bald küssen.

William Shakespeare (1609), Troilus und Cressida 4.5.218