Dion Chrysostomos



Dion Chrysostomos – der Beiname steht für „Goldmund“ – war einer der wenigen griechischen Dichter der ersten Zeit nach Christus. Er schildert in seinen Reden unter anderem die Ereignisse, die zum Trojanischen Krieg führten, und weicht dabei von Homers Darstellung ab. Troja beschreibt er als größte und reichste Stadt Asiens.

Kenntnisstand

Die griechische Dichtung ist in den beiden ersten nachchristlichen Jahrhunderten so gut wie gar nicht vertreten. So hatte der um 40 n. Chr. in Prusa (dem heutigen Bursa) im nordwestlichen Kleinasien geborene Dion im Hinblick auf seine rhetorische Kunstfertigkeit kaum Zeitgenossen auf Augenhöhe. Dion stammte aus einer der angesehensten und begütertsten Familien in Prusa und genoss eine exquisite Ausbildung in Dialektik, Rhetorik und Philosophie. Er hatte und nutzte die Möglichkeit zu ausgedehnten Reisen, die er zunächst freiwillig, später jedoch notgedrungen unternahm, denn er war für vier Jahrzehnte aus Rom, ganz Italien und seiner Heimat Bithynien verbannt worden. Aus Dions Lebenswerk sind achtzig Reden bis heute erhalten, zwei große Geschichtswerke hingegen gingen verloren. Den Beinamen Chrysostomos, „Goldmund“, hat sich Dion mit seinen scharfsinnigen literaturkritischen Abhandlungen, moralphilosophischen Lehren, hintergründigen Anekdoten und intelligenten Wortspielen durchaus zu Recht erworben.

Anregungen

Ägyptische Säulen mit Hieroglypheninschriften erzählen vom Trojanischen Krieg

Dion liefert in seiner elften Rede eine ausführliche Schilderung der Ereignisse, die zum Trojanischen Krieg führten, welche in mancherlei Hinsicht von der gängigen Fassung abweicht. Bemerkenswert ist auch seine Herleitung der Geschichte:

Ich will nun berichten, was ich bei den ägyptischen Priestern von einem hochbetagten Greis in Onuphis erfahren habe. Er machte sich unter vielem anderen darüber lustig, daß die Griechen in den meisten Dingen nicht Bescheid wüßten … Er erzählte mir, daß die ganze Vergangenheit bei ihnen aufgeschrieben sei, zum Teil in den Tempeln, zum Teil auf gewissen Säulen … Unter den jüngsten Eintragungen befänden sich auch die Ereignisse um Troia.

Dion Chrysostomos, Reden 11.37-38 (Elliger)

Onuphis lag im Nildelta in unmittelbarer Nähe von Saïs; also dort, wo laut Platon dessen Vorfahre Solon sechs Jahrhunderte vor Dion von einem weisen Tempelpriester erstmals die Geschichte vom glorreichen Sieg der Griechen über eine Macht in grauer Vorzeit gehört haben soll (Platon, Timaios 21e-22b).

Dion fährt fort und beschreibt Troja als „größte Stadt Asiens“ (11. 57), die „reicher war als alle anderen Städte“ (11.63) und der während des Kriegs gegen Griechenland immer mehr Verbündete zuströmten (11.79). Um die Griechen war es bei den Kämpfen vor Troja schlecht bestellt, sie wurden von Hunger und Pest bedrängt, und zwischen ihren Führern brach Streit aus (11.79). Solche Aussagen finden sich auch bei Platon im Bericht des Priesters von Saïs über den Untergang eines mächtigen Gegners der Griechen (Timaios 24e, Kritias 120e, Timaios 25c). Auch das für diese Stadt so einzigartige Versinken im Schlamm (Timaios 25d) findet sich bei Dion in der Beschreibung von Troja wieder: Apollon und Poseidon ließen die Flüsse über die Stadt hereinbrechen und spülten sie fort (11.76).

Dions Version der Geschichte impliziert, dass Homers Darstellung des Trojanischen Krieges historisch nicht korrekt und daher irreführend ist. Den ägyptischen Aufzeichnungen zufolge schlossen nämlich Griechen und Trojaner Waffenstillstand und Frieden, nachdem sie sich gegenseitig aufgerieben hatten. Die überlebenden trojanischen Prinzen Hektor und Aeneas verließen anschließend die Heimat, um Kolonien zu gründen und sich „zum Herren ganz Europas“ aufzuschwingen (11.141).

Offensichtlich hatte sich parallel zur griechischen Überlieferung vom Trojanischen Krieg eine Form der Transmission in Ägypten bewahrt.

Literatur

Elliger, Winfried (1967): Dion Chrysostomos: Sämtliche Reden. Artemis, Zürich/Stuttgart, 1-864.


In einer Epoche ohne Größe … ist Dion, den Spätere nicht ohne Grund Chrysostomos, ‚Goldmund‘ genannt haben, neben Plutarch wohl die faszinierendste Gestalt, gewandt und liebenswürdig, resigniert bis zur Weltflucht und doch zum Handeln entschlossen.

Winfried Elliger 1967, XLIV

Auf meine Bitte, es mir zu erzählen, sträubte er sich anfangs und meinte nur, die Griechen seien Angeber und hielten sich trotz ihrer Unwissenheit für allwissend.

Dion Chrysostomos, Reden 11.37–39 (Elliger)