Guido de Columnis




Eine der bekanntesten Erzählungen über die Ereignisse rund um den Trojanischen Krieg stammt vom sizilianischen Richter Guido de Columnis. Guido zog für seine Historia destructionis Troiae das Werk von Dares heran. In Guidos Werk kulminierte die tausend Jahre währende Begeisterung für die Troja-freundliche Sichtweise von Dares. Es wurde zu einem Riesenerfolg, in viele Volkssprachen übertragen und noch Jahrhunderte später gedruckt.

Kenntnisstand

Um 1271 ermunterte der damalige Erzbischof von Salerno, Matteo della Porta, den Richter Guido de Columnis (ca. 1220-1290) aus der sizilianischen Provinzhauptstadt Messina, ein Werk über den Untergang Trojas in lateinischer Sprache zu verfassen. Nachdem Guido das erste Kapitel fertiggestellt hatte, verstarb der Erzbischof, und ohne seine Ermutigung blieb die Arbeit fünfzehn Jahre lang unvollendet, bis der Autor schließlich 1287 in weniger als drei Monaten die restlichen 34 Kapitel niederschrieb. Guido sagt, er stütze sich auf die damals anerkannten „Augenzeugenberichte“ von Dares dem Phryger und Diktys dem Kreter. Allerdings finden sich deutliche Parallelen zum Roman de Troie von Benoît de Sainte-Maure (ca. 1160), so dass seit langem davon ausgegangen wurde, dies sei auch seine Hauptquelle gewesen.

Guidos Werk mit dem Titel Historia destructionis Troiae nimmt für sich in Anspruch, die historischen Ereignisse wahrheitsgetreu wiederzugeben. Es wurde zu einem Riesenerfolg, in viele Volkssprachen übertragen und noch Jahrhunderte später gedruckt. Im Jahr 1420 erschien es als das erste in England gedruckte Buch und das erste Buch in englischer Sprache, das Troy Book von John Lydgate. Es folgten Publikationen 1450 auf Französisch unter dem Titel La destruction de la Troye von Jacques Milet, 1599 auf Deutsch mit dem Titel Historische, warhaffte und eigentliche Beschreibung von der alten Statt Troia und schließlich 1665 – also noch vierhundert Jahre nach der Erstpublikation – auf Italienisch als La storia della guerra di Troia.

Anregungen

Ausgeklügelte künstliche Wasserläufe in Troja

Hätte sich Heinrich Schliemann 1868 zum Ziel gesetzt, die Geschichtlichkeit des Trojanischen Krieges nicht, „wie ihn Homer schildert“, sondern wie ihn Guido de Columnis beschreibt, zu beweisen, wäre unsere Sichtweise der Frühgeschichte heute eine ganz andere. Die Bearbeitungen der Troja-Sage von Benoît de Sainte-Maure und Guido de Columnis zählten zu den großen Bucherfolgen des europäischen Mittelalters; sie waren über ein halbes Jahrtausend lang weit verbreitet. Beide Fassungen enthalten allerdings lange Passagen, die sich weder bei Dares noch bei Diktys finden, die Guido laut eigener Aussage für sein Werk heranzogen hatte. Allerdings beruft sich Guido auf eine griechische Fassung von Dares, die ihm damals vorlag und uns heute nicht mehr überliefert ist. Seitenlang schildert Guido den Baustil und die Verzierungen der Häuser, die Handwerker, auf die man in Troja traf, und Spiele, die dort verbreitet waren. Besondere Aufmerksamkeit richtete er auf die komplizierten Wasserbauanlagen:

Die Fundamente [der Stadt Troja] lagen tief im Schoß der Erde, denn man hatte eigens einen sehr tiefen und außerordentlich breiten Einschnitt ausgehoben. … Die Straßen richteten sich an einer langen und schnurgeraden Achse aus, durch die reine und erfrischende Morgenluft mit ihren süßen und abwechslungsreichen Düften in die Stadt blies. … Mitten durch die Stadt zog sich ein Fluss, der Xanthus hieß und die Stadt in zwei gleich große Teile teilte. … Außerdem konnte sich der Fluss dank seiner unerschöpflichen Wassermassen auch in verborgene Kanäle ergießen. Ausgeklügelte künstliche Wasserläufe und unterirdische Schleusen sorgten für planmäßige Überschwemmungen, um die Stadt vom angehäuften Unrat zu reinigen.

5.114-179

Guido erwähnt, dass Priamus nach dem ersten Trojanischen Krieg Bewohner von umliegenden Dörfern umsiedelte, um die Stadt wieder zu bevölkern. Tatsächlich wurde die Siedlung von Hanay Tepe, einige Kilometer südlich von Hisarlık gelegen, nach der Zerstörung von Troja verlassen. Es ist anzunehmen, dass ihre Einwohner innerhalb der schützenden Mauern von Troja ein neues Zuhause fanden.

In Guidos Werk kulminierte die tausend Jahre währende Begeisterung für die Troja-freundliche Sichtweise des Dares – und hielt für weitere vierhundert Jahre an. Erst die Expansion des Osmanischen Reichs bereitete seinem Erfolg ein Ende. Wenige Jahre nach der Belagerung Wiens durch die Osmanen galt Dares auf einmal als Fälschung. Im 18. Jh. rückte dann Platon durch die Übersetzungen und Bearbeitungen des Londoner Schriftstellers Thomas Taylor (1758-1835) und des deutschen Altphilologen Friedrich August Wolf (1759-1824) allmählich ins Zentrum philologischen Interesses, während Guidos Werk innerhalb von ein bis zwei Generationen nicht mehr präsent war. Daher bemerkte bis heute niemand, dass die Beschreibung von Troja bei Guido de Columnis und die Beschreibung eines mächtigen frühgeschichtlichen Gegners der Griechen bei Platon (Kritias 115c-117a) weitgehend identisch sind – einschließlich des einzigartigen künstlichen Durchstichs zum Meer und der unterirdischen schiffbaren Kanäle.

Literatur

Griffin, Nathaniel Edward (1936): Guido de Columnis: Historia destructionis Troiae. The Medieval Academy of America, Cambridge, Massachusetts, 1-293.
Keller, Wolfram (2008): Selves and Nations: The Troy Story from Sicily to England in the Middle Ages. Universitätsverlag, Heidelberg, 1-644.
Körting, Gustav (1874): Dictys und Dares: ein Beitrag zur Geschichte der Troja-Sage in ihrem Übergang aus der antiken in die romantische Form. Lippert, Halle an der Saale, 1-119.
Wigginton, Waller Bimster (1965): The Nature and significance of the Late Medieval Troy Story: A Study of Guido delle Colonne’s ‘Historia destructonis Troiae.’ Dissertation at Rutgers University, New Brunswick, New Jersey, 1-299.
Wolf, Kordula (2009): Troja – Metamorphose eines Mythos. Französische, englische und italienische Überlieferungen des 12. Jahrhunderts im Vergleich. Europa im Mittelalter, vol. 13. Akademie Verlag, Berlin, 1-347.


Ebenso wollen wir hier die Frage unerörtert lassen, ob Guido de Columna in seiner Historia destructionis Troiae wirklich nur den Roman de Troie paraphrasirte oder ob ihm nicht etwa doch, seiner eigenen Versicherung gemäss, ein ausführlicher Dares-, beziehungsweise Dictys-Text zu Gebote gestanden hat.

Gustav Körting 1874, 71

König Priamus befahl, dass seine Wohnstätte, also der Ort für seinen persönlichen Aufenthalt, das großartige und glorreiche Ilion, wie sein bedeutender Palast genannt wurde, an einem hochgelegenen Ort auf einem die Stadt überragenden Felsen zu erbauen sei. Als Hauptfestung von großer Stärke hatte man dieses berühmte Ilion mit großem Aufwand quasi aus dem natürlichen Fels gehauen. Von den Fundamenten bis zum höchsten Giebel, der die Festung kuppelförmig überdachte, erreichten seine Höhen einen Scheitelpunkt fünfhundert Fuß über den Türmen der benachbarten Bollwerke, die wiederum selbst diese Höhe um vieles überragten. Wegen ihrer ungeheuerlichen Höhe waren die Spitzen der Türme von Wolken ummantelt und ständigem Regen ausgesetzt. Von diesen hochaufragenden Scheitelpunkten konnten sämtliche umliegende Gebiete der Region und auch entfernte Gegenden mühelos überblickt werden.

Guido de Columnis 1287, Historia destructionis Troiae 5.202-215