Quintus von Smyrna



Im 3. Jh. n. Chr. veröffentlichte Quintus von Smyrna unter dem Titel Nachhomerisches eine Version des trojanischen Sagenkreises, die sich am Stil Homers orientierte. Quintus schloss mit seinem Werk die chronologische Lücke zwischen der Ilias und der Odyssee. Verschiedene Details seiner Schilderungen von Troja decken sich bemerkenswerterweise mit dem Grabungsbefund.

Kenntnisstand

Quintus von Smyrna war ein antiker griechischer Dichter und lebte vermutlich im 3. Jh. n. Chr. Er verfasste ein einziges bis heute überliefertes Epos mit dem Titel Nachhomerisches. Häufig wird sowohl sein Name in der lateinischen Form wiedergegeben (Quintus Smyrnaeus) wie auch der Titel seines Werks auf Lateinisch zitiert (Posthomerica). Quintus verarbeitete Stoffe des trojanischen Sagenkreises und verwendete dabei offenbar eine Vielzahl von Quellen, ohne sie anzugeben.

Sein Werk beginnt im chronologischen Ablauf an der Stelle des Trojanischen Kriegs, wo Homers Ilias endet. In 14 Büchern mit insgesamt 8772 Versen liefert er den Sagenstoff über die letzten Wochen der Schlacht, die Einnahme von Troja bis zum Beginn der Odyssee. Sein Werk ist in viele aufeinanderfolgende, mehr oder weniger unabhängige Erzählungen gegliedert, wobei die einzelnen Bücher jeweils weitgehend in sich geschlossen sind. Die einzige erhaltene Handschrift von Quintus’ Epos wurde 1460 von Kardinal Basilius Bessarion in Otranto in Kalabrien entdeckt, und die erste gedruckte Ausgabe des Werks stammt aus der Werkstatt des venezianischen Buchdruckers Aldus Manutius aus dem Jahr 1504.

Anregungen

Troja versank im Schlamm

Quintus will die chronologische Lücke zwischen den überlieferten Inhalten aus Ilias und Odyssee schließen und ahmt daher den Stil Homers im Hinblick auf Vokabular, Sprache, Syntax, Metrik, Gleichnisse, Aufbau und Erzählweise nach. Wie Homer legt auch Quintus den Fokus auf die Personen, auf ihre Dialoge und Handlungen. Hinweise, die Rückschlüsse auf die Topografie der Stadt Troja und ihrer Umgebung zulassen würden, sind dünn gesät und tauchen vor allem in Form von Adjektiven auf. So wird von Troja gesagt, es sei „schöntürmig“ (9.538) und hätte „unendliche Mauern“ (12.94).

Trotzdem finden sich bei Quintus Parallelen zum Grabungsbefund, die die Frage aufwerfen, woher der Dichter diese Informationen hatte. So wird zum Beispiel gesagt, dass die Mykener zum Schutz gegen Angriffe der Trojaner „bei sich zu Hause“ Mauern und Türme bauten (14.633). Dahinter könnte sich durchaus ein Hinweis auf die Errichtung zyklopischer Festungen im mykenischen Griechenland um 1250 v. Chr. verbergen. An anderem Ort beschreibt Quintus, wie sich die Trojaner auf eine Belagerung vorbereiteten:

Und wir haben auch keinen Mangel an Speise oder Trank.
Viel nämlich liegt in des goldreichen Priamos Palast
innen an Essen, das auch für viele andere auf lange Zeit Speise sein wird.

Quintus, 10.20-25 (Gärtner)

Diese Zeilen finden ihre Entsprechung in der architektonischen Neuausrichtung von Troja VIIa nach der Zerstörung von Troja VIh um 1250 v. Chr. (einige Archäologen bevorzugen heute ein Datum um 1300 v. Chr.). Seinerzeit wurden große Vorratsgefäße unter den Fußböden angelegt. Quintus schildert auch in dramatischen Worten, wie die siegreichen Griechen die Trojanerinnen abführten, „eine jede von einem anderen Ort“ (14.11). Hier findet sich eine Entsprechung in den Linear-B-Tafeln aus Pylos, die ausdrücklich Frauen aus Westkleinasien als Arbeiterinnen in den Textilfabriken erwähnen.

Die eindrucksvollste Parallele betrifft jedoch nicht den Grabungsbefund, sondern einen Text von Platon. Quintus beschreibt in den letzten Zeilen seines Werks das Schicksal der Ruinen Trojas und seiner Belagerer nach der Zerstörung durch die Griechen:

Poseidon selbst aber zerbrach die Erde von unten
und ließ unendlich viel Wasser hervorsprudeln
und Schlamm und Sand. Mit gewaltiger Kraft erschüttert er
Sigeon. Es dröhnten aber laut die Gestade und von Grund auf
Dardanien, und unsichtbar und völlig vom Meer umspült wurde
der ungeheure Schutzwall, er versank in der Erde,
die sich weit auftat. Allein Sand war noch zu sehen,
als das Meer zurückwich.

Quintus, 14.646-652 (Gärtner)

Eine durchaus vergleichbare Schilderung solcher Überschwemmungen findet sich bei Platon im Timaios 25d.

Literatur

Baumbach, Manuel und Silvio Bär (eds.) (2007): “Quintus Smyrnaeus: Transforming Homer in Second Sophistic Epic.” Millennium-Studien 17, Walter de Gruyter, Berlin, 1-501.
Gärtner, Ursula (2010): Quintus von Smyrna: Der Untergang Trojas. Edition Antike 2, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2 vols., 1-294 and 1-315.
Lloyd-Jones, Hugh (1969): “Review of Frederick M. Combellack: The War at Troy: What Homer Didn’t Tell.” Classical Review, New Series 19 (1), 101.
Maciver, Calum Alasdair (2012): Quintus Smyrnaeus’ Posthomerica – Engaging Homer in Late Antiquity. Brill, Leiden, 1-224.
Schmidt, Ernst Günther (1999): “Quintus von Smyrna – der schlechteste Dichter des Altertums?” Phasis I, 139-150.
Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von (1905): Die griechische Literatur und Sprache. 1. Die griechische Literatur des Altertums. Die Kultur der Gegenwart. Ihre Entwicklung und ihre Ziele. P. Hinneberg, Berlin/Leipzig, 1-236.


In trauriger Weise prostituiert sich das kindisch gewordene Greisenalter des heroischen Epos in den Posthomerica des Quintus aus Smyrna. Er setzt die trivialen Abrisse der Heldensage, die in der Schule gelesen wurden, in homerische Verse um, und das öde Nachplappern müsste einschläfern, wenn nicht zuweilen die Albernheiten zu stark würden, daß man lachen müsste.

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff 1905, 216

Unter den späten griechischen Ependichtern ist Quintus mit Abstand der schlimmste. Die blutleere Nachahmung, die er serviert, ist schlichtweg bar jedweden Lebens.

Hugh Lloyd-Jones 1969, 101

Was für ein Mißgriff der Musen, daß sie, wie Quintus angibt (12.308), ausgerechnet ihn zum Epiker beriefen, ihn, den – so darf man die Meinungen zusammenfassen – schlechtesten Dichter des Altertums.

Ernst Günther Schmidt 1999, 141

Ein Buch über ein Gedicht damit zu beginnen, zunächst die abfälligen Kommentare darüber zu präsentieren, nur um diese anschließend mit der eigenen innovativen Forschung widerlegen zu können, ist zu einem methodischen Klischee in der Neubeurteilung nichtkanonischer klassischer Texte geworden.

Calum Alasdair Maciver 2012, 24

Wie dieses Gedicht vernachlässigt wurde, ist schon bemerkenswert.

Calum Alasdair Maciver 2012, 26