Hypothesen zu den Seevölker-Invasionen



Wer die Seevölker waren, die am Ende der Bronzezeit das gesamte östliche Mittelmeer verwüsteten, und was die Überfälle auslöste, ist seit Jahrzehnten Gegenstand von Spekulationen. Keine der zahlreichen Thesen vermag restlos zu überzeugen. Manches deutet jedoch darauf hin, dass die Suche nach einem einzigen Verursacher der Zerstörungen zu kurz greift.

Kenntnisstand

Die Seevölker-Invasionen und die Umbrüche am Ende der Bronzezeit zählen zu den meistdiskutierten, komplexesten und schwierigsten Bereichen der Altertumsforschung. Zahlreiche multidisziplinäre Kongresse widmeten sich ausschließlich diesem Thema. Folgende Thesen werden zum Teil auch heute noch diskutiert:

  1. Eine sich über lange Zeit hinziehende Dürre entzog den bronzezeitlichen Gesellschaften die Wirtschafts- und Ernährungsgrundlage und löste Völkerwanderungen aus. (Carpenter 1966)
  2. Der Trojanische Krieg steht für den Beginn einer Kettenreaktion. Die Seevölker setzten sich aus Veteranen der Schlacht um Troja und Flüchtlingen aus dem kollabierenden Griechenland zusammen, die auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten waren. (Hallo & Simpson 1971)
  3. Die Landwirtschaft der mykenischen Kultur war einseitig auf Getreide ausgerichtet und gegen Missernten äußerst empfindlich. Zerstörungen oder eine Reihe von Missernten provozierten Überfälle auf Nachbarregionen und lösten eine Eskalation aus. (Betancourt 1976)
  4. Die Seevölker kamen aus Zentraleuropa. Sie zerstörten die mykenische Kultur in Griechenland und verwüsteten anschließend Troja, Hattuša und die von Ramses III. genannten Orte im östlichen Mittelmeer. (Schachermeyr 1982)
  5. Unter Merenptah erfolgten die ersten Angriffe der Seevölker, dann kam es zum Trojanischen Krieg und zum Zusammenbruch der mykenischen Kultur. Schließlich fand eine zweite Seevölker-Invasion statt, die Hatti vernichtete. (Taylour 1983)
  6. Die Seevölker stammen aus dem Gebiet der Adria und aus Zentraleuropa. Mit einem zeitlichen Abstand von etwa einer Generation brachten sie zunächst den ägäischen Raum und dann die Levante unter ihre Kontrolle. (Bouzek 1985)
  7. Die Seevölker waren ein loses Bündnis aus versprengten Piraten und Korsaren, das sich erst nach dem Zusammenbruch der großen Kulturen bildete. (Sandars 1985)
  8. Das Ende der Bronzezeit begann mit Erdbeben, die zeitversetzt über Hunderte von Kilometern die zentralen Handelssiedlungen in Ägypten, Syrien und Griechenland zerstörten. Gleichzeitig bedrohten die im östlichen Mittelmeer umherziehenden Seevölker die Küstenstädte. Um sie abzuwehren, errichteten die griechischen Königreiche ihre großen Festungen und wurden so in den wirtschaftlichen Bankrott getrieben, was schließlich soziale Unruhen, den Zusammenbruch des Fernhandels und Hungersnöte zur Folge hatte. (Helck 1987)
  9. Eine Folge von Erdbeben erstreckte sich am Ende der Periode SH IIIB von Pylos über Kastanas in Makedonien bis nach Troja. (Kilian 1988)
  10. Ein Wechsel der Kriegsführungstechnik bewirkte die Umbrüche. Vor den Krisenjahren trug man militärische Konflikte mit Streitwagenbataillonen aus, nachher lag das Schwergewicht auf mobilen Infanterieeinheiten. (Drews 1993)

Auch der jüngste Versuch des US-amerikanischen Archäologen Eric H. Cline, einen Überblick über die Ereignisse zu schaffen, wirft mehr Fragen auf, als dass er Antworten liefert.

Anregungen

Drei verschiedene Kriege fallen in die Krisenjahre

Das Ende der Bronzezeit war vielleicht deshalb bisher nicht plausibel nachvollziehbar, weil bisher eine wichtige Komponente fehlte – die Luwier. So wie sich die Funktion eines dreibeinigen Küchenhockers kaum verstehen lässt, wenn nur zwei Beine erhalten sind, bleibt das Ende der Bronzezeit unverständlich, wenn man nur Hethiter und Mykener, nicht jedoch die die Luwier in die Modelle mit einbezieht.

Die archäologischen Grabungen zeigen für die Zeit von 1200-1180 v. Chr. stets den gleichen Befund, von Griechenland über Kleinasien bis Ägypten: nämlich Zerstörung. Das heißt jedoch nicht, dass für all diese Zerstörungen nur ein einziger Verursacher verantwortlich gewesen wäre.

Ein erstmals vor über zwanzig Jahren vorgestelltes Modell erklärt die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den Ländern um das östliche Mittelmeer im 13. Jahrhundert v. Chr. anhand von drei kausal miteinander verknüpften, aber gegenläufigen Kriegen. Zunächst ereigneten sich die sogenannten Seevölker-Invasionen, in deren Rahmen miteinander verbündete luwische Kleinstaaten vom ägäischen Raum mit Schiffen Richtung Südosten vorstießen. Gegen die siegreichen Luwier am Ostufer der Ägäis verbündeten sich dann einige Jahre später die griechischen Königreiche – im sogenannten Trojanischen Krieg. Und ganz zum Schluss ereignete sich in Griechenland ein Bürgerkrieg – ohne äußere Einwirkungen. Mit diesem Modell lassen sich Grabungsbefunde, Dokumente und spätere Erinnerungen erklären. Die drei Phasen dieses Nullten Weltkriegs werden auf den anderen Unterseiten separat geschildert.

Literatur

Cline, Eric H. (2014): 1177 B.C. – The Year Civilization Collapsed. Princeton University Press, Princeton, 1-237.
Deger-Jalkotzy, Sigrid (2008): “Decline, Destruction, Aftermath.” In: The Cambridge Companion to the Aegean Bronze Age. Cynthia W. Shelmerdine (ed.), Cambridge University Press, Cambridge, 387-415.
Muhly, James D. (1984): “The role of the Sea Peoples in Cyprus during the LC III period.” In: Cyprus at the close of the Late Bronze Age. Vasos Karageorghis & James D. Muhly (eds.), Leventis Foundation, Nicosia, 39-55.
Muhly, James D. (1992): “The Crisis Years in the Mediterranean World: Transition or Cultural Disintegration?” In: The Crisis Years. William A. Ward & Martha S. Joukowsky (eds.) Kendall/Hunt, Dubuque, Iowa, 10-26.
O’Connor, David (2000): “The Sea Peoples and the Egyptian Sources.” In: The Sea Peoples and Their World: A Reassessment. Eliezer D. Oren (ed.), The University Museum, University of Philadelphia, Philadelphia, 85-102.
Ward, William A. & Martha S. Joukowsky (eds.) (1992): The Crisis Years: The 12th Century B.C. from beyond the Danube to the Tigris. Kendall/Hunt, Dubuque, Iowa, 1-208.
Woudhuizen, Frederik Christiaan (2006): The ethnicity of the Sea People. Dissertation at the Erasmus-Universität Rotterdam, Rotterdam, 1-167.
Zangger, Eberhard (1994): Ein neuer Kampf um Troia – Archäologie in der Krise. Droemer, München, 1-352.


Es wurde schon häufiger bemerkt, dass wir umso weniger wissen, je mehr wir erfahren. Diese Einsicht gilt sicher auch für unser Verständnis vom Ende der Bronzezeit und von der Rolle der Seevölker. Es ist eine Sache, auf all die Probleme der bisherigen Rekonstruktionen der Vergangenheit hinzuweisen, und eine ganz andere, eine neue Rekonstruktion zu schaffen, welche die unbefriedigenden ersetzt.

James D. Muhly 1984, 54

Ganz eindeutig vonnöten ist eine neue (sic!) Sicht der ‚Krisenjahre‘ und des Übergangs von der Bronze- zur Eisenzeit im östlichen Mittelmeerraum.

James D. Muhly 1992, 19