Methodik des hier vorgeschlagenen Forschungsprogramms



Die im Rahmen von Luwian Studies präsentierten Ideen sind bis auf weiteres Hypothesen. Sie sollen vor allem Anregungen für zukünftige Forschungsprojekte liefern. Im besten Fall werden sie dazu beitragen, die vorhandenen und gut untersuchten antiken Quellen aus einer neuen Perspektive zu betrachten und einen theoretischen Hintergrund für bisher unterlassene empirische Untersuchungen zu liefern.

Die Bedeutung der Naturwissenschaften

Archäologie ist die Untersuchung der physischen Hinterlassenschaften von Menschen der Vergangenheit. Dazu zählen auch organische Reste (wie Küchenabfälle) und künstlich überprägte Landschaften. Wenn die Menschen Schriftkenntnisse besaßen und Dokumente hinterließen, spricht man von geschichtlicher oder historischer Zeit. Die Behandlung dieser Texte ist Aufgabe der Historiker. Aufgrund der Komplexität der Materie hat sich die archäologisch-historische Forschung im Laufe der Zeit in viele Teildisziplinen aufgeteilt, zum Beispiel Prähistorie, Archäologie, Klassische Archäologie, Kunstgeschichte, Alte Geschichte, Geschichte, Altphilologie, Philologie, Linguistik, Orientalistik und Ägyptologie. Um die Ereignisse der Vergangenheit aus der Zeit ohne Textquellen rekonstruieren zu können, kommen zunehmend naturwissenschaftliche Methoden zum Einsatz. Dies hat zur Folge, dass die verschiedenen Quellen innerhalb dieser Forschungsrichtungen jeweils nach fachspezifischen Gesichtspunkten untersucht werden. Dadurch sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die doch aus verwandtem Material hervorgehen, zum Teil unterschiedlichen Prinzipien, Lehrmeinungen und Modeströmungen unterworfen.

Hypothesen

Die im Rahmen von Luwian Studies vorgestellten Ideen sollen dazu anregen, die vorhandenen Quellen aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und darüber hinaus Anregungen für zukünftige Forschung liefern. Es handelt sich ausschließlich um Hypothesen. Damit ist das hier vorgestellte Forschungsprogramm in erster Linie einer hypothetisch-deduktiven Methodik verpflichtet. Ein Forschungsprogramm ist dann hypothetisch-deduktiv, wenn es Hypothesen formuliert, die falsifizierbar sind, das heißt, sie müssen an empirischen Befunden scheitern können. Auf welchem Weg die Hypothesen zustande gekommen sind, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Sofern sie konsistent, plausibel und empirisch überprüfbar sind, müssen sie als wissenschaftlich bezeichnet werden.

Luwian Studies verfolgt eine naturwissenschaftliche Methodik und wendet dabei folgende Schritte an:

  1. Formulierung von plausiblen und gut begründeten Hypothesen (hypothetisch-deduktiver Ansatz)
  2. Sammlung und Erfassung von Beobachtungen aus einem möglichst breiten Spektrum naturwissenschaftlicher Disziplinen (empirische Methode)
  3. Kritische Überprüfung von ursprünglichen Beobachtungen und Sammeln von neuen Daten

Diese Vorgehensweise verwenden wir auf die Hypothese, dass es im Westen Kleinasiens einen bisher kaum erforschten Kulturkreis gab, der eine entscheidende Rolle beim Untergang des hethitischen Reichs spielte. Die These steht in mancherlei Hinsicht den etablierten Lehrbuchmeinungen diametral gegenüber, ist aber in sich konsistent. Deswegen wäre eine Überprüfung wünschenswert und vielversprechend. Eine mindestens 5,1 Meter tiefe Grabung etwa 300 Meter westlich vom Burghügel Hisarlık (an der Bohrstelle 128 des Geoarchäologen Ilhan Kayan) könnte genügen, um zu überprüfen, ob die eigentliche spätbronzezeitliche Stadt Troja unter den Sedimenten in der Ebene begraben liegt.

Neue Entdeckungen am Übergang von der prähistorischen zur historischen Zeit könnten auch dazu führen, dass die Methodik der etablierten Archäologie eines Tages hinterfragt wird. Die eigentliche Entdeckung der ägäischen Kulturen geht ja auf einen Amateur, Heinrich Schliemann, zurück. Indem er Kulturkreise erschloss, die rund tausend Jahre älter waren als die klassische Antike, brachte er die Meinungsführer der damaligen Altertumskunde in Verlegenheit. Sie reagierten, indem sie das bereits für die klassische Antike etablierte Wissen auf die prähistorische Zeit extrapolierten. Noch heute sind als Klassische Archäologen und Altgeschichtler ausgebildete Forscher im deutschsprachigen Raum Meinungsführer für die Belange der ägäischen Bronzezeit. Dabei wurde bisher übersehen, dass sich zwischen der mykenischen und der klassischen Epoche ein einschneidender Wechsel vollzogen hatte. Erst nach der Eroberung von Lydien durch das Perserreich war der östliche Mittelmeerraum hellenistisch geprägt. Zuvor erfolgte der Kulturstrom jahrtausendelang nicht von West nach Ost, sondern von Ost nach West. Die Verhältnisse ab der Mitte des 6. Jh. v. Chr. lassen sich daher nicht auf das 2. und 3. Jt. v. Chr. übertragen.

Literatur

Bernbeck, Reinhard (1997): Theorien in der Archäologie. UTB für Wissenschaft, A. Francke, Tübingen, 1-404.
Franck, Georg (1998): Ökonomie der Aufmerksamkeit – Ein Entwurf. Carl Hanser, München, 1-251.
Palmer, Leonard R. (1961): Mycenaeans and Minoans. Faber and Faber, London, 1-264.
Pendlebury, John D. S. (1939): The Archaeology of Crete: An Introduction. Methuen & Co., London, 1-400.
Pullen, Daniel (1994): “Review of ‘The Flood from Heaven’ and ‘Ein neuer Kampf um Troia.’” Journal of Field Archaeology 21, 522-525.
Zangger, Eberhard (1994): Ein neuer Kampf um Troia – Archäologie in der Krise. Droemer, München, 1-352.


Zangger hat versucht, die Genauigkeit der naturwissenschaftlichen Methodik auf die Erklärung des Endes der Bronzezeit im östlichen Mittelmeer anzuwenden.

Daniel Pullen 1994, 522

Die Wissenschaft ist von allen Abteilungen des mentalen Kapitalismus die in sich geschlossenste Ökonomie der Aufmerksamkeit. Die Wissenschaft produziert nicht nur Wissen, sondern verwertet auch die eigene Wissensproduktion: Wissenschaftler arbeiten nicht aus idealistischen, sondern aus Gründen der Karriere für den Lohn der Beachtung; Wissenschaftler wird man nicht, um reich, sondern wenn schon, dann um berühmt zu werden.

Georg Franck 1998, 182

Fasst man diese Darstellung der Entwicklung der Klassischen Archäologie zusammen, so zeigt sich eine erstaunliche Beharrlichkeit in ihren Hauptthemen. … Ein wirklicher Wandel im Selbstverständnis der Klassischen Archäologie ist schwer zu erkennen. … Eine Epoche, in der Kunst keinen zentralen gesellschaftlichen Wert hatte, kann mit den Maßstäben der Klassischen Archäologie nicht erforscht werden.

Reinhard Bernbeck 1997, 24-25

Die Verquickung der Ur- und Frühgeschichte mit nationalsozialistischer Ideologie und Politik zeitigte Folgen in der Nachkriegszeit. Im deutschen Westen gab man sich … mit einer fast gänzlich atheoretischen Archäologie zufrieden. Das Sammeln von Fakten und deren chronologisch-räumliche Ordnung waren zum obersten Forschungsziel geworden.

Reinhard Bernbeck 1997, 30-31

Fakten sind wie Wörter für sich allein genommen nutzlos. Nur zusammengefügt dienen sie als Mittel zum Zweck. Ihre geringste Aufgabe ist es, die Grundlage einer angemessenen Theorie zu liefern.

John Pendlebury 1939, xxviii

Jede Theorie ist vertretbar, welche die größte Anzahl zum jeweiligen Zeitpunkt bekannter Fakten vereint und weder einer wichtigen Tatsache noch der menschlichen Natur und Vernunft widerspricht.

Leonard H. Palmer 1961, 254

Und genauso ist es [methodisch] unzulässig zu behaupten, die Seevölker hätten aus verschiedenen Völkern mit ähnlichem Habitus bestanden und seien von Ramses III. im Jahre 1177 v. Chr. besiegt worden, nur weil dies in den Texten von Medinet Habu so geschildert wird.

Eberhard Zangger 1994, 75

1177 B. C. – The Year Civilization Collapsed

Eric H. Cline 2014 (Buchtitel)

Wissenschaftspolitik ist die bösartigste und bitterste Form der Politik, weil die Einsätze so niedrig sind.

Wallace Stanley Sayre (1905–1972), US-Politikwissenschaftler und Professor an der Columbia University