Pioniere der Archäologie der Bronzezeit in Kleinasien



Unser heutiges Wissen über die prähistorischen Kulturen auf türkischem Boden verdanken wir einer Handvoll außerordentlicher und mutiger Forscher. Allerdings hatte jeder, der sich für die intensive Erforschung der anatolischen Kulturen einsetzte, einen schweren Stand. Die großen Pioniere der Archäologie Kleinasiens wurden von ihren Kollegen in der Heimat wie auch in der Türkei verunglimpft und ihre Leistungen systematisch abgewertet.

Heinrich Schliemann

Heinrich Schliemann (1822-1890), deutscher Kaufmann, Archäologe und Pionier der Feldarchäologie, führte als Erster Ausgrabungen im kleinasiatischen Hisarlık durch wo er die Ruinen des bronzezeitlichen Palasts von Troja vermutete und fand. Schliemanns umfangreiche Grabungen in Troja, Mykene, Tiryns und Orchomenos legten den Grundstein für die Ägäische Frühgeschichte. Er legte erstmals systematisch ein Grabungsareal frei und bereitete der wissenschaftlich-methodischen Grabungstechnik den Weg. Bis anhin hatte man wie Schatzsucher lediglich wertvolle Einzelobjekte geborgen. Schliemann war vor allem in Deutschland zeitlebens heftigster Kritik durch Archäologen ausgesetzt, insbesondere durch Ernst Curtius. Die Kritik beschränkte sich keineswegs auf die rücksichtslosen Grabungsmethoden, die Schliemann noch heute – und sicher zu Recht – angelastet werden. Vielmehr wurde er unter anderem der Spionage bezichtigt und verlor die Lizenz, in der Türkei zu arbeiten. Noch 1886 schrieb die Times, „… dass der ‚prähistorische Palast‘ von Tiryns zu den außerordentlichen Halluzinationen eines unwissenschaftlichen Enthusiasten zu zählen ist, die sich in der einschlägigen Literatur finden lassen“.

Hugo Winckler

Hugo Winckler (1863-1913) initiierte die ersten Ausgrabungen in Boğazköy, die von 1906 bis 1912 andauerten. Schon in der ersten Grabungssaison konnten seine Arbeiter 20 komplette Schrifttafeln und 2500 Fragmente bergen. Deren Inhalte räumten die letzten Zweifel aus, dass es sich bei dem Ort um die Hauptstadt des hethitischen Reichs, Hattuša, handelte. Winckler selbst fand allerdings nie eine feste Anstellung und musste seine Ausgrabungen durch einen befreundeten Unternehmer privat finanzieren lassen. Indem er Theodor Makridi, den Kommissar der osmanischen Antikenverwaltung, als offiziellen Grabungsleiter einsetzte, umging er das Deutsche Archäologische Institut. Winckler publizierte unvorstellbar viel, wobei er mit seinen radikalen Anschauungen zweifellos hie und da übers Ziel hinausschoss. Manche seiner Ideen waren ihrer Zeit jedoch letztlich um ein Jahrhundert voraus. Seine Wissenschaftskollegen, etwa der deutsche Mathematiker, Astronomiehistoriker und Assyriologe Franz Xaver Kugler, spotteten über Winckler und zogen seine Thesen ins Lächerliche. Winckler starb mit nur 49 Jahren. In einem Nachruf schrieb der Herausgeber des Memnon: „In der Kunst und in der Wissenschaft sind geniale Bahnbrecher, die wahrhaft Neues und Bedeutendes der Welt zu bieten haben, der Missgunst und dem Neide der Umwelt ausgesetzt.“

Der Herausgeber von Memnon, Reinhold von Lichtenberg, publizierte 1913 diesen Nachruf auf Hugo Winckler. [PDF 759 KB]

Emil Forrer

Emil Forrer (1894-1986) war ein Schweizer Assyriologe, Altertumskundler und Hethitologe und geradezu ein Genie, was altanatolische Sprachen betrifft. Schon 1919 identifizierte er die acht verschiedenen Sprachen in den Boğazköy-Inschriften und konnte als Erster Luwisch in akkadischer Keilschrift lesen. Ab 1923 widmete er sich der Entschlüsselung des Hieroglyphenluwisch. 1926 unternahm er eine Forschungsreise durch Kleinasien mit dem Ziel, Siedlungen aus vorrömischer Zeit zu lokalisieren. Forrer vertrat als Erster den Standpunkt, dass das in hethitischen Texten genannte Ahhijawa mit dem mykenischen Griechenland gleichzusetzen sei, und erntete dafür unter anderem vom deutschen Klassischen Philologen Ferdinand Sommer schärfste Kritik. Die Habilitation gelang Forrer erst im dritten Anlauf. Nach vielen vergeblichen Versuchen, eine feste Anstellung zu finden, und enttäuscht vom europäischen Wissenschaftsbetrieb wanderte er 1949 nach Mittelamerika aus. Neben Einkünften als freier Autor lebte er dort nach eigenen Angaben eine Zeitlang davon, dass er auf der Straße das selbstgemachte Joghurt seiner Frau verkaufte.

Helmuth Bossert

Helmuth Theodor Bossert (1889-1961), deutscher Kunsthistoriker und Vorderasiatischer Archäologe, zählt ebenfalls zu den bedeutenden Wissenschaftlern, die nie eine Anstellung an einer deutschen Universität erhielten. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Mitarbeiter in Verlagen, als selbständiger Verleger und später als Professor an der Universität Istanbul. 1946 entdeckte Bossert zusammen mit türkischen Kollegen die späthethitischen Ruinen in Karatepe oberhalb von Adana, wo sie zweisprachige Inschriften fanden, die schließlich zur Entschlüsselung des Hieroglyphenluwisch führten. Bossert gilt auch als bedeutendster Entzifferer der kretischen Bilderschrift. So erkannte er beispielsweise bereits 1946, dass in der zweiten Hälfte des 2. Jt. v. Chr. das Land Asia, das die Hethiter in ihrer Sprache als „Aššuua“ bezeichneten, fast die gesamte Westküste Anatoliens umfasste. Bosserts wissenschaftliche Leistungen konnten kaum angefochten werden. Seine Konkurrenten Kurt Bittel und Hans Gustav Güterbock verbreiteten jedoch die Behauptung, Bossert habe mit dem Nationalsozialismus sympathisiert und überdies versucht, die Grabungsleitung in Hattuša zu übernehmen.

James Mellaart

Die traurigste Rolle unter den Pionieren der Archäologie Anatoliens spielte wohl James Mellaart (1925-2012). Mellaart verfolgte bereits als Student der Ägyptologie die Idee, dass die Seevölker aus dem Westen Kleinasiens stammten. Anfang der 1950er-Jahre suchte er zwei Jahre lang nach prähistoristischen Fundstätten im anatolischen Hochland. 1954 schließlich entdeckte er die spätchalkolithische Siedlung Beycesultan in der Nähe von Çivril, die er von 1954 bis 1959 zusammen mit Seton Lloyd ausgrub. Beycesultan ist neben Troja bis heute die einzige flächendeckende Ausgrabung einer bronzezeitlichen Fundstätte in Westkleinasien, die in einer westlichen Sprache publiziert wurde. Mellaart entdeckte 1957 in der Nähe der Stadt Burdur die neolithische stadtartige Siedlung Hacılar und grub dort bis 1961. Im gleichen Jahr entdeckte er Çatal Höyük. Mit den dortigen Ausgrabungen und den Ergebnissen seines extensiven Surveys etablierte Mellaart das Neolithikum in Anatolien.

Zum Verhängnis wurde Mellaart im Jahr 1965 ein Bericht über Goldschmuck, den er in einer Privatwohnung in Izmir zu sehen bekommen hatte. Obwohl Mellaart die Geschichte selber der Zeitschrift The Illustrated London News angeboten hatte, entwickelte sich daraus in kurzer Zeit die sogenannte Dorak-Affäre. Man unterstellte Mellaart, dass er in den Schwarzhandel mit Artefakten involviert sei, und entzog ihm lebenslänglich die Lizenz, in der Türkei tätig zu sein. Der Skandal eskalierte rasch, bis sogar Mellaarts Haus in der Türkei vermutlich durch Brandstiftung zerstört wurde. Mehrere Sachbücher sind aus dieser Affäre hervorgegangen; über die wahren Hintergründe kursieren bis heute wilde Spekulationen bis hin zur Beteiligung der CIA. Mellaart selbst zog sich nach London zurück und lebte dort noch fast fünfzig Jahre.