Beschreibungen der Stadt Troja



Zahlreiche Beschreibungen von Reisenden im Mittelalter weisen darauf hin, dass mit Troja nicht nur die Stadt, sondern die gesamte Region bezeichnet wurde. Dass heute keine Überreste der eigentlichen Stadt mehr sichtbar sind, hat verschiedene Gründe: Die Ruinen der Unterstadt, so heißt es, seien in der Ebene unter Schlammlawinen begraben worden. Geologische Prozesse wie Abtragung und Ablagerung, aber auch die landwirtschaftliche Nutzung veränderten die Topografie zusätzlich. Was sich trotz allem an Ruinen erhalten hatte, wurde gezielt abgetragen, um Baumaterial zu gewinnen.

Kenntnisstand

Im 6. Jh. n. Chr. war Hisarlık offenbar vollständig verlassen; der Name Troja blieb jedoch stets mit der Region verbunden. Vom 12. Jh. an haben wir Notizen und Beschreibungen von Besuchern, deren Schiffe in der Nähe von Troja ankerten. Auch wenn sie an unterschiedlichen Stellen anlegten, bezeichneten die Einheimischen den jeweiligen Ort stets als Troja. Deswegen wurde das ganze Gebiet als Troas bekannt.

Ramon Muntaner, zwischen 1305 und 1309 Gouverneur von Gallipoli, sagt in seinen Aufzeichnungen, die Stadt Troja hätte einen Umfang von 300 Meilen gehabt. Ihre Tore wären sowohl in Cyzicus am Marmarameer wie auch am Golf von Edremit gewesen – also rund 100 Kilometer voneinander entfernt.

Im Herbst 1437 ritt der spanische Edelmann Pero Tafur von Chios nach Norden, bis er bei Adramyttion am Golf von Edremit eintraf, wo er scheinbar „Troja“ erreicht hatte. Er folgte dann der Küste weiter Richtung Norden nach „Ilion“, an der Küste gegenüber von Tenedos.

Im Jahr 1599 erreichte Thomas Dallam im Gefolge von Sultan Mehmet III. die Troas. Er legte zunächst an der Westküste gegenüber von Tenedos Anker und konnte von dort Troja sehen. Dann fuhr er weiter Richtung Norden und legte bei Sigeum an, wo er die Ruinen von Troja „aus nächster Nähe“ betrachten konnte. Offensichtlich befand er sich in dem Glauben, es mit einer einzigen riesigen Fundstätte zu tun zu haben.

Anregungen

Im Jahr 1103 über viele Meilen sichtbare Ruinen

Es gibt keine Diskrepanz zwischen den hier aufgeführten Schilderungen und der Arbeitshypothese von Luwian Studies. Wir sind der Meinung, dass die Beschreibungen einer Region mit Namen Troja, die sich über die Troas erstreckte, zwar nicht von vornherein für bare Münze, aber dennoch ernst genommen und weiterverfolgt werden sollten. Troja wäre demnach nicht nur der Name einer Stadt, sondern auch einer Region (etwa so wie New York City und New York State), wobei Letztere vom Marmarameer bis nach Edremit reichte. Wenn in antiken Quellen von Gold, Kupfer und Messing aus „Troja“ die Rede ist, dürfte daher weniger die uns bekannte Siedlungsstätte auf Hisarlık gemeint gewesen sein, sondern vielmehr die berühmten Bergwerke im Hinterland der Biga-Halbinsel.

Für Nichtfachleute mag es erstaunlich sein, dass heute nichts mehr von der einstigen Stadt Troja zu sehen ist. Das liegt zum Teil an Abtragung und Ablagerung, die dazu führen, dass die heutige Topografie nicht mehr der Oberfläche vor dreitausend Jahren entspricht. Siedlungsschichten auf Hügeln hat der Regen abgetragen, solche in der Ebene wurden von späteren Sedimenten überlagert. Jahrtausendelange landwirtschaftliche Nutzung verstärkte diese Effekte über das natürliche Maß hinaus – insbesondere nach der Einführung von Traktoren und Pflügen, die fast einen Meter tief reichen. Die vom Menschen verursachte Abtragung kann so weit gehen, dass Vermessungspunkte aus den 1960er Jahren ihre Umgebung heute um einige Meter überragen, weil der Boden in ihrer Umgebung um so viel weggepflügt wurde.

Der geologische Untergrund rund um die Ebene von Troja besteht aus tertiärem Mergel, einem wenig verfestigten Sediment, das sich problemlos durchpflügen lässt. Bei solchem Untergrund sind Rutschungen keine Seltenheit. Schon Frank Calvert, der Heinrich Schliemann auf Hisarlık aufmerksam gemacht hatte, beschrieb Abbrüche in den Mergeln, bei denen über eine Million Kubikmeter Material in Bewegung geriet – allerdings sah er deren Spuren vor allem an den Steilufern der südlichen Dardanellenküste und weniger in der Ebene.

In Troja kommt erschwerend hinzu, dass Leute aus der Region seit dem 16. Jh. die Ruinen aus der Bronzezeit und der Antike gezielt abtrugen, um Baustoff für Bollwerke an den Dardanellen und für die Hagia Sophia zu gewinnen. Als Philip Barker Webb 1819 in Hisarlık eintraf, sah er, wie die letzten Reste der einstigen Stadtmauer von Troja verschwanden, und sagte daraufhin: „Künftige Reisende werden von ihr [der berühmten Stadt] nicht einmal die dürftigen Überreste sehen, die uns ein günstiges Schicksal mindestens noch antreffen ließ.“

Dennoch dürften große Reste der Stadt Troja noch heute existieren. Die Ruinen der Zerstörung (von Troja VIIa) sind möglicherweise sogar außerordentlich gut erhalten. Legt man einen Profilschnitt durch die königliche Zitadelle auf Hisarlık bis in die Ebene hinein (siehe Abbildung oben) so stellt sich heraus, dass die Reste der Unterstadt 5 bis 7 Meter unter der Oberfläche der heutigen Flussaue liegen. Stratifizierte Schichten mit vielen Keramikfragmenten, sogar ganze Gebäudereste, sind in Bohrkernen, die mehrere hundert Meter auseinander liegen, gefunden worden.

Literatur

de Clavijo, Ruy Gonzalez (1928): Embassy to Tamerlane 1403-1406. Harper, London, 1-375.
Easton, Donald (1991): “Troy before Schliemann.” Studia Troica 1, 111-129.
Krawczuk, Aleksander (1990): Der Trojanische Krieg – Mythos und Geschichte. Urania, Leipzig/Berlin, 1-248.
Reichel, Michael (2011): “Epische Dichtung.” Handbuch der griechischen Literatur der Antike, vol. 1. Bernhard Zimmermann (ed.), C. H. Beck, München, 1-816.
Strobel, Karl (ed.) (2008): New perspectives on the historical geography and topography of Anatolia in the II and I millennium. Eothen 16, LoGisma, Florenz, 1-302.
Wright, Thomas (1848): Early Travels in Palestine. Henry G. Bohn, London, 1-517.


Auch dir lächelte ja offenbar einmal das Glück – keiner wäre reicher als du gewesen und hätte heldenhaftre Söhne gehabt, erzählt man sich in diesem deinem Reich, das sich über Phrygien, Lesbos zum Thrakischen Meer erstreckt.

Achilleus zu Priamos, Homer, Ilias 24.546 (Schrott)

Ilios … bezeichnet die belagerte Stadt, Troiē hingegen nicht nur den Ort, sondern auch die Landschaft gleichen Namens, sowie das Land und das Reich der Troer.

Karl Strobel 2008, 13

Ursprünglich bezeichnet Troia wohl die weitergefaßte Region, in der die Stadt Ilios liegt.

Michael Reichel 2011, 41-42

Folglich lag hinter den rivalisierenden Ansprüchen [der lokalen Bevölkerung] der Glaube, die Ruinen von Troja wären nicht auf eine Fundstätte begrenzt, sondern würden ein großes Gebiet bedecken. Die Vorstellung von einem übergroßen Troja, sogar einem Troja, das sich über die gesamte Troas erstreckte, kommt auch in anderen Quellen zum Ausdruck.

Donald Easton 1991, 112

In der Antike bedeckten Siedlungen der Stadt Troja den ganzen Raum der Landschaft zwischen dieser Stelle [den Dardanellen] und dem Land im Süden bis ganz zum Kap St. Mary [Baba Burun] … was eine Fläche von etwa sechzig Meilen ausmacht.

Ruy Gonzalez de Clavijo 1403 (Ausgabe 1928, 54 und 58)

[Wir] kamen zu der Insel Tenit [Tenedos], in deren Nähe … die sehr alte und berühmte Stadt Troja lag, deren Ruinen nach griechischer Aussage noch immer über viele Meilen sichtbar sind.

Saewulf 1103 (Thomas Wright 1848, 49)

Will man der Ilias Glauben schenken, dann herrschte dieser König [Priamos] nicht nur in der Stadt und ihrer Umgebung, sondern in einem größeren Gebiet. Im Süden erstreckte sich sein Reich bis an das Ida-Gebirge und im Osten bis an das Land der Phryger, das heißt bis an das heutige Marmarameer.

Aleksander Krawczuk 1990, 147