Die Erforschung von Troja



Heinrich Schliemann, der Troja zwar nicht selbst lokalisierte, jedoch um 1870 die ersten Ausgrabungen unternahm, wurde wegen seiner rücksichtslosen Grabungsmethoden von Wissenschaftlern zeit seines Lebens kritisiert. Nicht zuletzt wegen seines rüden Vorgehens wurde später weitgehend verboten, bei archäologischen Ausgrabungen architektonische Reste zu entfernen, um so an ältere Schichten zu gelangen. Ohne Profilschnitte und Tiefgrabungen wird es jedoch nicht möglich sein, die Siedlungsstätten der Bronzezeit zu erkennen.

Kenntnisstand

Heinrich Schliemann wird heute gern als Entdecker von Troja betrachtet. Er selbst behauptete, er habe als Achtjähriger ein Bild des brennenden Troja gesehen und beschlossen, die Stadt auszugraben. Sehr wahrscheinlich ist dies nicht. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass er sich erst später und ganz allgemein für Archäologie zu interessieren begann, wie es dem damaligen Zeitgeist entsprach. Nach einer Karriere als Kaufmann erlernte er Latein und Altgriechisch und reiste 1868 erstmals nach Griechenland, wo er vergeblich nach dem in der Ilias beschriebenen Palast des Odysseus forschte. Später begab er sich in die Troas. Er heuerte einheimische Arbeitskräfte an, um mit ihnen das sagenhafte Troja zu suchen, vermutete die Stadt jedoch gemäß einer These von Jean Baptiste LeChevalier aus dem 18. Jh. am falschen Ort. Als er nicht fündig wurde, beschloss er abzureisen. In Çanakkale verpasste er jedoch sein Schiff – und traf darauf unplanmäßig mit dem englischen Diplomatensohn Frank Calvert zusammen. Dieser vertrat eine andere Theorie, wo Troja zu finden sei: auf dem Hügel Hisarlık, der sogar teilweise seiner Familie gehörte. Auf diese Idee hatte ihn der schottische Zeitungsverleger und Amateurgeologe Charles Maclaren gebracht, der bereits 1821 Hisarlık als das homerische Troja identifizierte – ohne die Region zuvor besucht zu haben. Dessen Analyse wiederum stützte sich unter anderem auf den Cambridge-Professor für Mineralogie Edward Daniel Clarke und dessen Assistenten John Martin Cripps, welche die Siedlungsstätte Hisarlık 1801 als Erste mit dem historischen Troja in Verbindung gebracht hatten.

Frank Calvert konnte Schliemann für gemeinsame Ausgrabungen auf dem Hügel Hisarlık gewinnen. Schliemann spielte jedoch später die Bedeutung Calverts herunter. Er selber war vermögender, zielstrebiger und hatte einen besseren Sinn für Selbstvermarktung als Calvert. Im Nachhinein gesehen war er auch verantwortungsloser: Ohne Erlaubnis ließ er einen 40 Meter breiten und über 15 Meter tiefen Graben mitten durch den Hügel treiben, ohne Rücksicht auf jüngere Siedlungsschichten zu nehmen. Dafür wurde er später heftig kritisiert. Auch nachdem er durch den Fund des von ihm so genannten Schatz des Priamos 1873 Berühmtheit erlangt hatte, verweigerten ihm deutsche Wissenschaftler die gewünschte fachliche Anerkennung. Heute gilt Schliemann jedoch trotz seiner anfangs rabiaten Methoden als einer der Wegbereiter der modernen Archäologie.

Im Verlauf der weiteren Erforschung wurden auf dem Hügel Hisarlık über zehn Siedlungsschichten entdeckt, die eine Besiedlung vom 5. Jt. v. Chr. bis in die Spätantike nahelegen. Von 1988 bis 2012 leiteten Wissenschaftler aus Tübingen die Grabungen, zunächst Manfred Korfmann, nach dessen Tod Ernst Pernicka, der vormalige Chefnaturwissenschaftler des Projekts. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellte ihre finanzielle Unterstützung 2009 ein, anschließend wurden kleinere Untersuchungen durch Stiftungsgelder ermöglicht. Ende 2012 lief die Grabungslizenz der Universität Tübingen aus. Im Jahr 2013 ernannte die türkische Regierung Rüstem Aslan von der Universität in Çanakkale zum neuen Grabungsleiter. Er war ebenfalls Mitarbeiter des vorherigen Troja-Projekts und hat in Tübingen promoviert.

Anregungen

Ein Blick unter die Tempel der Antike

Die Kritik an Schliemanns anfänglich brachialen Methoden hat mit dazu beigetragen, dass sowohl Gesetzgeber wie auch Ausgräber in der Türkei und in Griechenland heute übervorsichtig sind. Weil ihre Ausgrabungen Kulturgüter zerstören könnten, werden Archäologen heute zunehmend als Konservatoren und weniger als Forscher betrachtet. In der Regel dürfen sie noch bis zu den ersten erhaltenen architektonischen Grundrissen graben und diese freilegen – aber nicht mehr abtragen. So bleiben die darunterliegenden Schichten für alle Zeit verborgen. Und genau aus diesem Grund ist auch die luwische Kultur bis heute unentdeckt geblieben. Von einem zwanzig Meter hohen Siedlungshügel, wie zum Beispiel dem in Kadıkalesi im Süden der Türkei, kennen Archäologen fast nur die obersten Gebäude aus dem Mittelalter. Darunter liegen unsichtbar die Siedlungsschichten aus vielen Jahrtausenden, weil man, um sie zu erforschen, die Mauern darüber abtragen müsste.

Profilschnitte und Tiefgrabungen, die bis zum Festgestein reichen, werden im Westen der Türkei dringend benötigt, um die genaue Siedlungsfolge bestimmen zu können. Es gilt, über hundert Jahre Forschungsrückstand gegenüber Kreta und Festlandgriechenland aufzuholen. Der jugoslawisch-deutsche Archäologe Vladimir Milojčić hat eine mustergültige Grabung dieser Art an der Pefkakia Magoula beim griechischen Volos geleitet. Es wäre wünschenswert, solche Profilschnitte auch an einigen Siedlungsstätten in Westkleinasien anzulegen. Wir wissen genau, wo es sich lohnen würde. Zerstört würde dabei nichts, denn die Funde würden geborgen und ausgestellt, die Mauern sorgfältig dokumentiert und mit Hilfe von Virtual Reality komplettiert. Außerdem gibt es einige hundert Siedlungshügel im Westen der Türkei, so dass das teilweise Abtragen eines Hügels nicht entscheidend ins Gewicht fiele. Die Archäologie braucht wieder Leute mit Mut und Pioniergeist wie in der Ära Heinrich Schliemanns.

Literatur

Allen, Susan Heuck (1999): Finding the walls of Troy: Frank Calvert and Heinrich Schliemann at Hisarlík. University of California Press, Berkeley, 1-409.
Bernal, Martin (1987): Black Athena. Rutgers University Press, New Brunswick, 1-575.
Kayan, Ilhan (2006): “Mit dem Kernbohrer in die Vergangenheit – Geoarchäologische Interpretationen der holozänen Sedimente in der Troas.” In: Troia. Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft. Manfred O. Korfmann (ed.), Philipp von Zabern, Mainz, 317-328.
Wagner, Günther A., Ernst Pernicka & H.-P. Uerpmann (eds.) (2003): Troia and the Troad. Springer, Berlin, 1-449.
Zangger, Eberhard, Horst Leiermann, Wolfgang Noack & Falko Kuhnke (1997): “A 21st Century Approach to the Reconnaissance and Reconstruction of Archaeological Landscapes.” In: Aegean Strategies: Studies of Culture and Environment on the European Fringe. P. Nick Kardulias & Mark T. Shutes (eds.), Rowman and Littlefield, Savage, Maryland, 9-32.
Zangger, Eberhard (2003): “Some Open Questions About the Plain of Troia.” In: Troia and the Troad. Günther A. Wagner, Ernst Pernicka & Hans-Peter Uerpmann (eds.), Springer, Berlin, 317-324.


Ich beabsichtige im nächsten April den ganzen Berg Hissarlik bloßzulegen; denn ich glaube bestimmt, dort Pergamos, die Burg (sic!) von Troja, zu finden.

Heinrich Schliemann, 22. August 1868, Brief an seinen Bruder Hans und seine Schwester Doris

Das bedeutet freilich nicht, dass Außenseiter grundsätzlich falsch liegen. Heinrich Schliemann, jener wohlhabende Deutsche, der in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts erstmals Troja und Mykenai ausgrub, schuf eine geradezu naive, aber fruchtbare Verbindung von Legenden, historischen Dokumenten und Topografie. Damit bewies er, daß das auf der Hand Liegende nicht notwendigerweise falsch ist, wenn dies auch die akademischen Insider vielleicht gern sähen.

Martin Bernal 1992, 36