Epiphanien-Effekt im Tempel von Yazılıkaya bei der Sommersonnenwende um 1250 v. Chr. (© Oliver Bruderer/Luwian Studies)
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Dr Waal proudly present a bronze figurine of a bull from #Hattusa, from the @NINO_Leiden collection, now at the reopened @Allard_pierson #archaeology #hittite

My new article is out! https://www.degruyter.com/view/journals/kadm/58/1-2/article-p33.xml

Abstract: Following Rieken’s 2008 establishment that the Anatolian hieroglyphic sign *41 (CAPERE/tà) denoted the syllable /da/, with lenis /d/, Yakubovich (2008) argued that the sign’s phonetic value ...

Das Felsheiligtum Yazılıkaya funktioniert als Lunisolarkalender – auch heute noch!

Die Astronomin und Archäologin Rita Gautschy von der Universität Basel und Eberhard Zangger, Präsident von Luwian Studies, stellen eine komplett neue Interpretation des hethitischen Felsheiligtums Yazılıkaya vor. Demnach scheint es sich um eine Anlage zum Betrieb eines Kalenders zu handeln. Die Ergebnisse der fünf Jahre währenden Untersuchung sind – zur Sommersonnenwende 2019 – im Journal of Skyscape Archaeology erschienen.

Die Veröffentlichung „Celestial Aspects of Hittite Religion: An Investigation of the Rock Sanctuary Yazılıkaya“ steht sowohl auf Englisch wie auch auf Türkisch gratis als PDF zur Verfügung.

Zusätzlich ist ein populärwissenschaftlicher Hintergrundbericht zur Vorgehensweise bei diesem Projekt auf Nachrichtenportalen für Archäologie-Interessierte in Deutschland, den USA und in der Türkei erschienen

Yazılıkaya war offenbar der Ort, an dem die hethitischen Priester den Kalender führten. Anscheinend markierten sie den Tag, den Monat und das Jahr mit beweglichen Zeigern in Form von Säulen aus Stein oder Holz. So ließen sich die wichtigsten Zeitpunkte des Jahres bestimmen: die Sonnenwenden, die Tagundnachtgleichen, der Jahresanfang und die Monatsfeste.

Ein funktionierender Kalender war für die Hethiter unverzichtbar. Sie regelten damit die Zeitpunkte für Aussaat und Ernte, vor allem aber auch die Termine für ihre bis zu 165 religiösen Feste des Jahres.
Eine neue Perspektive bei der Untersuchung der hethitischen und luwischen Religion

Yazilikaya Sunset

„Die Interpretation von Yazılıkaya setzt keineswegs einen Schlusspunkt unter die Suche nach einer Erklärung für die Anlage“, schreibt Eberhard Zangger. „Vielmehr ist sie nur ein erster Schritt in eine neue Richtung. Nach über hundert Jahren systematischer Erforschung der hethitischen Kultur scheinen wir in mancherlei Hinsicht wieder ganz am Anfang zu stehen.“

Ein einstündiger Vortrag (auf Englisch) zu den neuesten Untersuchungen in Yazılıkaya steht auf YouTube zur Verfügung. Dort gibt es auch ein vom Astrofotografen Bernd Pröschold erstelltes Video mit Zeitrafferaufnahmen der Licht- und Schatteneffekte.

Der Archäoastronom Clive Ruggles (2015) führt drei Eigenschaften auf, die für die Beurteilung der astronomischen Bedeutung archäologischer Stätten relevant sind: Ausrichtung von Bauwerken, Licht- und Schatteneffekte und symbolische Zahlen (Handbook of Archaeoastronomy and Ethnoastronomy, vol. 1, 376-382). Alle drei Faktoren sind in Yazılıkaya ungewöhnlich gut überliefert.

Schon vor einigen Jahren haben die Astrophysiker Juan Antonio Belmonte und A. César González-García die astralen Aspekte in der hethitischen Religion mit naturwissenschaftlichen Methoden ermittelt. Sie maßen die Ausrichtung der Tempel und Tore in Hattusa und stellten fest, dass diese mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit astronomisch orientiert sind. Im Felsheiligtum Yazılıkaya erkannten die Astrophysiker, dass die nördliche Außenmauer des Torhauses auf den Sonnenuntergang zur Sommersonnenwende ausgerichtet ist. Im Rahmen der jüngsten Untersuchungen sind noch eine Anzahl weiterer Hinweise für Himmelsbezüge ermittelt worden. Dadurch können nun alle 66 Figuren in Kammer A des Felsheiligtums erklärt werden.

Welche Hinweise auf eine astronomisch-astrologische Nutzung gibt es in Yazılıkaya und Hattusa?
  • Das gesamte Heiligtum war durch Mauern nach außen verschlossen, aber nicht überdacht, obwohl dies leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre. Die Reliefs waren damit Sonne, Regen und Witterungseinflüssen ausgesetzt. Licht- und Schatteneffekte oder die Bewegungen des Mondes beziehungsweise die scheinbaren Bewegungen der Sonne und Sterne sind in die Funktion des Heiligtums eingeflossen.
  • Die Nordwand des Torhauses, des ersten Bauwerks, das im Heiligtum errichtet wurde, ist auf den Sonnenuntergang zur Sommersonnenwende ausgerichtet.
  • Das Heiligtum wurde komplett in einer Bauphase errichtet, was auf eine technische Verwendung hinweist, und später in zwei Phasen ausgebaut und erneuert.
  • Die markante Westwand in Kammer B verläuft fast genau von Nord nach Süd. Diese glatte Felswand wurde sogar künstlich mit gesägten Natursteinen verlängert, was darauf hindeutet, dass die Wand eine Funktion hatte, die eine große Oberfläche erforderte.
  • Das Relief (64) von Großkönig Tudhaliya IV. wird nur zur Zeit der Sommersonnenwende von Sonnenstrahlen beschienen.
  • Die Kammern A und B enthalten je eine Gruppe mit 12 einheitlichen männlichen Gottheiten, die offenbar auf die 12 Monate des Jahres hinweisen.
  • Die Tempel des Heiligtums wurden anscheinend für jährlich wiederkehrende religiöse Feste genutzt, allen voran das Neujahrsfest.
  • Eine Verbindung zu Gestirnen zeigt sich durch die Präsenz des Sonnengottes des Himmels, des Mondgottes und der Göttin Sauska (Istar/Venus), die sowohl in der männlichen Götterreihe (als Morgenstern und Kriegsgott) als auch in der weiblichen Reihe (als Abendstern und Göttin der Fruchtbarkeit) präsent ist.
  • Die Steinmetze ließen eine Säule aus sorgfältig gemeißeltem Naturstein zwischen den Reliefs 54 und 55 aus der Mauer ragen. Diese Säule weist auf eine technische Funktion hin.
  • In Hattusa ist eine statistisch signifikante Zahl der Gebäudefundamente, Kammern und Tore nach astronomischen Parametern ausgerichtet.
  • Der Yerkapı-Komplex im höchsten Teil der Oberstadt von Hattusa ist exakt nach Norden ausgerichtet. Die Südwestecke seiner pyramidalen Basis weist zusätzlich auf den Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende.

Fast alle diese Eigenschaften sind seit vielen Jahren bekannt. Im Rahmen der neuen Untersuchung erkannten Zangger und Gautschy, dass die Relieffiguren in Kammer A Gruppen mit 12, 30, 8 und 19 Elementen bilden. Mit diesen Zahlen lässt sich ein immerwährender Sonne-Mond-Kalender betreiben. Das heißt, Yazılıkaya könnte auch heute noch als Kalender benutzt werden.