

{"id":17563,"date":"2018-03-14T18:43:39","date_gmt":"2018-03-14T17:43:39","guid":{"rendered":"https:\/\/neu.luwianstudies.org\/interview-mit-eberhard-zangger-zum-spiegel-artikel-schrumpliger-luftballon\/"},"modified":"2018-03-14T18:43:39","modified_gmt":"2018-03-14T17:43:39","slug":"interview-mit-eberhard-zangger-zum-spiegel-artikel-schrumpliger-luftballon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/luwianstudies.org\/de\/interview-mit-eberhard-zangger-zum-spiegel-artikel-schrumpliger-luftballon\/","title":{"rendered":"Interview mit Eberhard Zangger zum \u201eSpiegel\u201c-Artikel \u201eSchrumpliger Luftballon\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Lange Zeit hatte man den Eindruck, die \u201eSpiegel\u201c-Redaktion sei von Ihren Thesen rund um Troja und die Luwier vorbehaltlos begeistert. Nun hat Frank Thadeusz im Zusammenhang mit James Mellaarts F\u00e4lschungen, die Sie selber bis vor kurzem f\u00fcr echt hielten, einen geradezu vernichtenden Artikel \u00fcber Sie publiziert. Was ist da geschehen?  <\/em><\/p>\n<p>Da kommen meines Erachtens mehrere Faktoren zusammen. Zun\u00e4chst verkn\u00fcpfen Journalisten ihren Stoff gern mit Personen. Wenn es um die Luwier geht, liegt es leider nahe, etwas \u00fcber mich zu schreiben. Je spektakul\u00e4rer die Geschichte, desto besser \u2013 im Positiven wie im Negativen. Hinzu kommt, dass Matthias Schulz, der sich 25 Jahre lang intensiv mit meiner Arbeit besch\u00e4ftigt hatte, in den Ruhestand geschickt und durch einen jungen Redakteur ersetzt wurde, der mit den Hintergr\u00fcnden nicht vertraut ist und vermutlich auch keine Zeit hat, sich in ein Thema einzuarbeiten. Und schlie\u00dflich forderte Frank Thadeusz, dass ich ihm das Material aus James Mellaarts Arbeitszimmer exklusiv \u00fcberlasse \u2013 vier Wochen bevor jemand anders informiert w\u00fcrde. Das ging nat\u00fcrlich nicht. Zum einen lag die Meldung bereits bei den Nachrichtenagenturen zum Versand bereit, und zum andern sind zahlreiche Forscher in dieses Projekt involviert, von denen man unm\u00f6glich h\u00e4tte verlangen k\u00f6nnen, dass sie vier Wochen lang so tun, als ob nichts w\u00e4re.        <\/p>\n<p><em>Frank Thadeusz schreibt, Sie h\u00e4tten James Mellaart in Ihrem letzten Buch ein \u201ehymnisches Kapitel\u201c gewidmet. Stimmt das? <\/em><\/p>\n<p>Ich war von James Mellaart genauso begeistert wie von allen anderen Pionieren der anatolischen Fr\u00fchgeschichte, die ich in meinem Buch portr\u00e4tierte. Das war ich immer noch, als ich am 24. Februar in London eintraf. Im Rahmen meiner Recherchen f\u00fcr mein Buch hatte ich mich ausf\u00fchrlich mit den Vorw\u00fcrfen besch\u00e4ftigt, Mellaart h\u00e4tte Dinge erfunden. Alle offiziellen Untersuchungen hatten ihn jedoch vollst\u00e4ndig entlastet. Dazu z\u00e4hlte die Arbeit der polizeilichen Untersuchungskommission in Izmir im Rahmen der Dorak-Aff\u00e4re wie auch die eines Untersuchungsausschusses des Britischen Instituts in Ankara. Auch die Recherchen von zwei investigativen Journalisten f\u00fchrten zu einem positiven Urteil. Au\u00dferdem hat James Mellaart quasi im Alleingang das Neolithikum in Anatolien entdeckt und wichtige Fundst\u00e4tten ausgegraben. Ich hatte gro\u00dfen Respekt f\u00fcr seine Leistungen, und was die F\u00e4lschungsvorw\u00fcrfe betrifft, galt aus meiner Sicht die Unschuldsvermutung.      <\/p>\n<p><em>Jetzt zitiert Sie Frank Thadeusz mit den Worten: \u201eIch habe einfach von Mellaart die Nase voll.\u201c Machen Sie es sich damit nicht zu einfach? <\/em><\/p>\n<p>Der Satz ist nat\u00fcrlich komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Ich sprach mit Frank Thadeusz davon, dass die Sache ja auch faszinierende Aspekte habe: Da sitzt ein kluger Entdecker jahrzehntelang in seinem Studierzimmer und saugt die neuesten Erkenntnisse aus seinem Fachgebiet auf, um daraus Geschichten zu machen, die er dann als \u00dcbersetzungen von verschollenen Inschriften ausgibt. Allein der Inhalt der unver\u00f6ffentlichten Manuskripte ist packend und manchmal geradezu hellseherisch. Nat\u00fcrlich ist es eine verlockende Aufgabe, diese Texte zu publizieren. Aber dieser Aufgabe wird sich wohl jemand anderes widmen, denn ich habe bis auf weiteres die Nase von Mellaart voll \u2013 das waren ungef\u00e4hr meine Worte am Telefon, kurz nachdem ich ma\u00dflos entt\u00e4uscht und ersch\u00f6pft aus London zur\u00fcckgekehrt war.     <\/p>\n<p><em>Die Hethitologin Annick Payne sagt, es sei nicht wissenschaftlich, die Existenz der Inschrift des Gro\u00dfk\u00f6nigs Kupanta-Kurunta aus einer blo\u00dfen Zeichnung eines Mannes wie Mellaart als gesichert anzunehmen. Wie stehen Sie dazu? <\/em><\/p>\n<p>Das sehe ich genauso. Das haben wir auch nie getan. <\/p>\n<p><em>Wie steht es denn um die gro\u00dfe luwische Hieroglypheninschrift aus Beyk\u00f6y? Ist sie echt oder nicht? <\/em><\/p>\n<p>Das wissen wir nicht. In Mellaarts Arbeitszimmer haben wir keine Entw\u00fcrfe oder sonstigen Hinweise auf eine F\u00e4lschung dieser Inschrift gefunden; der Vorwurf, eine F\u00e4lscherwerkstatt betrieben zu haben, bezieht sich auf andere Dokumente. In der Ver\u00f6ffentlichung der luwischen Hieroglypheninschrift im Dezember letzten Jahres haben der niederl\u00e4ndische Linguist Fred Woudhuizen und ich Argumente aufgelistet, die f\u00fcr und gegen die Authentizit\u00e4t dieses Dokuments sprechen. Wir sind dabei zum Urteil gekommen, dass die Argumente f\u00fcr dessen Echtheit \u00fcberwiegen. Es gibt heute keine neuen Erkenntnisse, und Fred Woudhuizen geht weiterhin davon aus, dass die Hieroglypheninschrift echt ist. Aber man ist nat\u00fcrlich noch skeptischer geworden. Ich m\u00f6chte mir dazu kein Urteil erlauben.       <\/p>\n<p><em>Max Gander h\u00e4lt Ihre Arbeitsweise f\u00fcr \u201emethodisch fragw\u00fcrdig\u201c. Das ist ein heftiger Vorwurf. <\/em><\/p>\n<p>\u2026 auf den ich nur schwer etwas entgegnen kann, solange er ihn nicht konkretisiert oder begr\u00fcndet. Ist es methodisch korrekt, die Zeichnung dieser Inschrift drei\u00dfig Jahre lang in Schubladen versteckt zu halten? Verschiedene Fachleute kannten die Abschrift n\u00e4mlich mindestens seit 1989. Als sich herumsprach, dass Fred Woudhuizen und ich dabei sind, diese Zeichnung zu publizieren, wurde uns mit schwerwiegenden Konsequenzen gedroht. Sind das die akzeptierten Methoden in der Altertumskunde? Durch unsere Publikation kann dieses Dokument nun erstmals von allen Experten beurteilt werden.     <\/p>\n<p><em>Ist Ihre Theorie der Luwier nun widerlegt, wie Frank Thadeusz schreibt?<\/em><\/p>\n<p>Keineswegs. Es ist \u00fcbrigens auch nicht meine eigene Theorie: Die Diskussion \u00fcber die Luwier ist inzwischen rund hundert Jahre alt, und es liegen verschiedene Lehrb\u00fccher zu diesem Thema vor. Ich bin wohl zurzeit so eine Art Botschafter der Luwier, in Zukunft wird es auch andere geben. Das Material aus Mellaarts Nachlass habe ich erst vor neun Monaten erhalten. Es h\u00e4tte, wenn es denn echt gewesen w\u00e4re, die Luwier-Theorie untermauert. Dass vieles davon offensichtlich gef\u00e4lscht ist, \u00e4ndert aber nichts an der bisherigen Forschung zu dem Thema.     <\/p>\n<p><em>Welche Auswirkungen hat die Erkenntnis, dass Mellaart ein F\u00e4lscher war, auf Ihre Stiftung Luwian Studies, die sich Untersuchung des 2. Jahrtausends v.Chr. in Westkleinasien verschrieben hat?<\/em><\/p>\n<p>Es w\u00e4re nat\u00fcrlich gro\u00dfartig gewesen, wenn es die keilschriftlichen Bronzetafeln aus Beyk\u00f6y tats\u00e4chlich gegeben h\u00e4tte. Nun fehlt uns nach wie vor eine Geschichte des bronzezeitlichen Kleinasiens. Unsicher ist, wie gesagt, die Authentizit\u00e4t der luwischen Hieroglypheninschrift. Das alles \u00e4ndert allerdings nichts daran, dass ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung Anatoliens im 2. Jahrtausend v.Chr. Luwisch sprach \u2013 und dass diese Bev\u00f6lkerungsgruppen in ihrer politischen und wirtschaftlichen Bedeutung wenig erforscht sind. Meine Erkenntnisse aus 28 Jahren Besch\u00e4ftigung mit diesem Thema behalten ihre Berechtigung. Auch die acht Artikel aus der Feder des \u201eSpiegel\u201c-Redakteurs Matthias Schulz sind weiterhin lesenswert. Es w\u00e4re sehr schade, wenn Frank Thadeusz die ganze Arbeit mit einem einzigen Beitrag zunichte gemacht h\u00e4tte. Offen gesagt, verstehe ich auch seine Motivation nicht.       <\/p>\n<p><em>Halten Sie sich f\u00fcr ein Genie?<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht. Was sind denn meine wichtigsten Aussagen der letzten drei\u00dfig Jahre? Erstens: Nicht nur auf dem Burgh\u00fcgel von Troja, sondern auch f\u00fcnfhundert Meter westlich davon gibt es bronzezeitliche Siedlungsschichten. Zweitens: Selbst wenn der Trojanische Krieg die Erfindung eines Dichters w\u00e4re, m\u00fcsste es auf der \u00f6stlichen Seite der \u00c4g\u00e4is den Griechen ebenb\u00fcrtige Gegner gegeben haben. Drittens: Im Westen Kleinasiens gibt es Hunderte von Siedlungspl\u00e4tzen, die arch\u00e4ologisch noch nicht erforscht wurden. Diese Einsichten sind eigentlich ziemlich banal und die ganze Aufregung nicht wert.<br \/>\n<em><br \/>\nWie geht es weiter?<\/em><\/p>\n<p>Wir stehen immer noch an der gleichen Stelle: Ohne Dokumente \u2013 echte Dokumente, die man in die Hand nehmen kann \u2013 kommen wir kaum weiter. Wir sind darauf angewiesen, dass die t\u00fcrkische Regierung den Kuratoren der arch\u00e4ologischen Sammlungen erlaubt, das eine oder andere bisher unver\u00f6ffentlichte Dokument zu zeigen. Sobald dies geschieht, wird es spannend.   <\/p>\n<p><em>Und mit der Geschichte von Mellaarts F\u00e4lscherwerkstatt?<\/em><\/p>\n<p>Ich gehe davon aus, dass die Texte Mellaarts eines Tages als Buch erscheinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.livescience.com\/61989-famed-archaeologist-created-fakes.html?utm_source=notification\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bb Ein Artikel zum gleichen Thema erschien online bei Live Science.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Zeit hatte man den Eindruck, die \u201eSpiegel\u201c-Redaktion sei von Ihren Thesen rund um Troja und die Luwier vorbehaltlos begeistert. Nun hat Frank Thadeusz im Zusammenhang mit James Mellaarts F\u00e4lschungen, die Sie selber bis vor kurzem f\u00fcr echt hielten, einen geradezu vernichtenden Artikel \u00fcber Sie publiziert. Was ist da geschehen? 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