{"id":17575,"date":"2017-10-16T10:56:19","date_gmt":"2017-10-16T08:56:19","guid":{"rendered":"https:\/\/neu.luwianstudies.org\/interview-mit-fred-woudhuizen-ueber-die-frage-ob-die-hieroglypheninschrift-aus-beykoey-gefaelscht-sein-koennte\/"},"modified":"2017-10-16T10:56:19","modified_gmt":"2017-10-16T08:56:19","slug":"interview-mit-fred-woudhuizen-ueber-die-frage-ob-die-hieroglypheninschrift-aus-beykoey-gefaelscht-sein-koennte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/luwianstudies.org\/de\/interview-mit-fred-woudhuizen-ueber-die-frage-ob-die-hieroglypheninschrift-aus-beykoey-gefaelscht-sein-koennte\/","title":{"rendered":"Interview mit Fred Woudhuizen \u00fcber die Frage, ob die Hieroglypheninschrift aus Beyk\u00f6y gef\u00e4lscht sein k\u00f6nnte"},"content":{"rendered":"<p><em>Kaum trat die luwische Hieroglyphenschrift aus Beyk\u00f6y ans Tageslicht, \u00e4u\u00dferten sich Fachleute mit der Vermutung, dass es sich um eine F\u00e4lschung handeln k\u00f6nnte. Wie kommt es dazu? <\/em><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erfuhren mein Koautor und ich schon von diesen Verd\u00e4chtigungen, vier Wochen bevor die Nachricht um die Welt ging. Wir hatten damals noch nicht gewusst, dass die Inschrift seit geraumer Zeit bekannt ist. Einige Kollegen kennen sie seit 28 Jahren und besitzen sogar Kopien davon. Meiner Ansicht nach lassen sich die F\u00e4lschungsvorw\u00fcrfe auf drei Ursachen zur\u00fcckf\u00fchren. Erstens fehlt das Originaldokument; wir haben nur eine Zeichnung. Zweitens stammt diese Zeichnung aus dem Nachlass von James Mellaart, einem Wissenschaftler, der angeblich Beweise gef\u00e4lscht haben soll. Drittens enth\u00e4lt der Text einige grammatikalische Besonderheiten, die wir bisher nicht gesehen haben.      <\/p>\n<p><em>Es k\u00f6nnten aber auch Grammatikfehler sein?<\/em><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte betonen, dass der Text grammatikalisch korrekt und absolut sinnvoll ist. Tats\u00e4chlich enth\u00e4lt er einige Symbole, Ligationen und Schreibweisen, die wir bisher noch nicht kannten. Da es sich aber um die bei weitem l\u00e4ngste luwische Hieroglypheninschrift aus der Bronzezeit handelt, finde ich dies nicht weiter verwunderlich. Wir wurden zum Beispiel darauf hingewiesen, dass kein luwischer Schreiber die Silbe \/na\/ verwenden w\u00fcrde, wie sie in <em>\u00e1-la-na-ti+li,<\/em> dem Namen des Gro\u00dfk\u00f6nigs von Mira und Sohn von Kupuntakuruntas II., vorkommt. Es ist v\u00f6llig richtig, dass wir das noch nie so gesehen haben. Allerdings hatten wir bisher auch keinen Text von diesem Umfang, aus dieser Region oder aus dieser Zeit. Wir wissen nicht einmal, wie Luwisch in Arzawa gesprochen wurde, da es bisher nur ganz wenige Dokumente gab. Die Leute hatten vielleicht eine ganz andere Einstellung gegen\u00fcber ihrer Schrift, als wir heute meinen. Kurz gesagt: Wenn ein so spektakul\u00e4rer Text auftaucht, m\u00fcssen wir davon ausgehen, darin Dinge zu finden, die wir bisher nicht kannten. Meiner Meinung nach sind die Abweichungen vielmehr klare Indizien f\u00fcr die Authentizit\u00e4t des Textes. Ein F\u00e4lscher, der in der Lage ist, sich ein so gewaltiges Dokument auszudenken, h\u00e4tte wohl kaum durch die Erfindung neuer Schreibweisen Verdacht erregen wollen.          <\/p>\n<p><em>Was ist Ihr wichtigstes Anliegen?<\/em><\/p>\n<p>Bevor man die Echtheit des Dokuments in Frage stellt, sollte man unsere wissenschaftliche Publikation kennen. Wir widmen der Diskussion, ob der Text eine F\u00e4lschung sein k\u00f6nnte, volle sechs Seiten \u2013 und ich denke, unsere Argumente sind \u00fcberzeugender. Als N\u00e4chstes sollte man versuchen, die potenzielle Bedeutung des Textes f\u00fcr unser Fachgebiet zu ermessen. Nat\u00fcrlich muss es eine dialektische Auseinandersetzung geben, aber ich w\u00fcnschte mir mehr Gelassenheit und auch ein wenig Wohlwollen. Die Untersuchung der luwischen Kultur profitiert enorm von der Aufmerksamkeit, die sie gerade bekommt. Wie sagte Natasha Frost in <em>Atlas Obscura<\/em>: \u201eEndlich erfreut sich diese kaum bekannte Ecke der alten Geschichte eines Momentes an der Sonne.\u201c Jeder in unserem kleinen Forschungsgebiet darf diesen Moment an der Sonne genie\u00dfen.      <\/p>\n<p><em>Warum spricht die Herkunft des Materials \u2013 aus dem Nachlass von James Mellaart \u2013 gegen seine Echtheit?<\/em><\/p>\n<p>So w\u00fcrde ich das nicht formulieren. James Mellaart war ein hervorragender Pr\u00e4historiker und einer der erfolgreichsten Entdecker im 20<sup>.<\/sup> Jahrhundert. Bereits als junger Mann galt er als einer der weltweit renommiertesten Arch\u00e4ologen. Wir haben ihm viel zu verdanken \u2013 vor allem seine Entdeckungen und Ausgrabungen von Beycesultan, \u00c7atalh\u00f6y\u00fck und Hac\u0131lar. W\u00e4hrend seiner ganzen beruflichen Laufbahn brachte man den Namen Mellaart allerdings auch mit Artefakten fragw\u00fcrdiger Herkunft in Verbindung. Mein Kollege Eberhard Zangger hat sich mit der Glaubw\u00fcrdigkeit Mellaarts besch\u00e4ftigt, nachdem dieser ihn bereits 1995 \u00fcber die Bedeutung von Dokumenten aus Beyk\u00f6y ins Bild gesetzt hatte. Es stellte sich heraus, dass keine Untersuchungskommission jemals zum Schluss kam, Mellaart h\u00e4tte sich irgendetwas zuschulden kommen lassen oder gar gef\u00e4lscht. Es gibt wirklich keinen Beweis daf\u00fcr. Mellaarts Ruf ist viel schlechter, als er es verdient h\u00e4tte.        <\/p>\n<p><em>H\u00e4tte Mellaart die luwische Hieroglyphenschrift fabrizieren k\u00f6nnen?<\/em><\/p>\n<p>Nein, das ist absolut undenkbar. Mellaart konnte luwische Hieroglyphen nicht einmal lesen, geschweige denn schreiben. Er war auch gar nicht an der Auswertung dieses Materials beteiligt. Seinen Notizen zufolge hatte man ihn lediglich um einen Beitrag f\u00fcr eine Publikation gebeten, die unter anderem diese luwische Inschrift enthalten sollte. Es ist aber auch \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich, dass andere Wissenschaftler, die sich in den 1980er Jahren mit dem Text besch\u00e4ftigten, diesen gef\u00e4lscht haben. Das Dokument enth\u00e4lt eine Metaebene an Informationen, die den Gelehrten, die sich seinerzeit mit der Bearbeitung besch\u00e4ftigten, v\u00f6llig entging. Uns liegt die damalige \u00dcbersetzung vor, die aus heutiger Sicht geradezu unbeholfen ist. Hinzu kommt, dass die angebliche F\u00e4lschung vermutlich bereits vor 1990 h\u00e4tte entstanden sein m\u00fcssen. Oliver Gurney, der Direktor des British Archaeological Institute in Ankara, hat die Inschrift offenbar 1989 \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert. Da die luwische Hieroglyphenschrift erst um 1950 entschl\u00fcsselt wurde, m\u00fcsste die Inschrift also zwischen 1950 und 1990 fabriziert worden sein. Ich bezweifle, dass damals irgendjemand \u00fcber das erforderliche Wissen verf\u00fcgte. Ja ich wage zu behaupten, dass es selbst heute niemanden gibt, der das k\u00f6nnte.           <\/p>\n<p><em>Wie lie\u00dfe sich beweisen, dass die Inschrift tats\u00e4chlich existierte?<\/em><\/p>\n<p>Wichtig w\u00e4re, die Dokumente der Wissenschaftler zu finden, die in den 1980er Jahren an der Ver\u00f6ffentlichung der Inschrift arbeiteten. Ulu\u011f Bahad\u0131r Alk\u0131m, dem die Verantwortung f\u00fcr die Publikation \u00fcbertragen worden war, starb 1981. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass Dokumente des damaligen Projekts noch heute existieren \u2013 in seinem Nachlass, bei der T\u00fcrkischen Historischen Gesellschaft oder bei einem Verlag. Dar\u00fcber hinaus sind die Kuratoren der wissenschaftlichen Sammlungen in Istanbul und Ankara gefragt. Sie sind zwar nicht f\u00fcr diese spezielle Inschrift verantwortlich, aber nach allem, was wir wissen, gelangten im 19<sup>.<\/sup> Jahrhundert einige Dokumente in die H\u00e4nde der osmanischen Regierung. Wenn nur eine dieser Inschriften \u00f6ffentlich gezeigt w\u00fcrde, bek\u00e4me die ganze Diskussion einen anderen Verlauf. Das Gleiche gilt f\u00fcr Privatsammler und nicht zuletzt f\u00fcr Bauern, die immer wieder zuf\u00e4llig bedeutende Funde machen. Es schadet nichts, wenn sie sich damit an die arch\u00e4ologischen Beh\u00f6rden wenden.       <\/p>\n<p><em>Wie geht es weiter?<\/em><\/p>\n<p>Unsere wissenschaftliche Arbeit wird in K\u00fcrze erscheinen. Ich hoffe, dass die Diskussion danach wissenschaftlicher und weniger emotional gef\u00fchrt wird. Au\u00dferdem werden weitere, bisher unbekannte luwische Hieroglyphentexte ver\u00f6ffentlicht werden. Ein besonders auff\u00e4lliger soll in den anstehenden Fels gehauen worden sein. Wenn die Menschen in der T\u00fcrkei erneut so begeistert reagieren wie auf die Hieroglypheninschrift von Beyk\u00f6y, k\u00f6nnte es sein, dass diese Felsinschrift schon bald wiederentdeckt sein wird. Und ich m\u00f6chte noch einmal betonen: Letztlich profitieren das gesamte Fachgebiet und damit wir alle von diesen Entdeckungen und Entwicklungen.     <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum trat die luwische Hieroglyphenschrift aus Beyk\u00f6y ans Tageslicht, \u00e4u\u00dferten sich Fachleute mit der Vermutung, dass es sich um eine F\u00e4lschung handeln k\u00f6nnte. Wie kommt es dazu? Tats\u00e4chlich erfuhren mein Koautor und ich schon von diesen Verd\u00e4chtigungen, vier Wochen bevor die Nachricht um die Welt ging. 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