{"id":17583,"date":"2017-01-04T00:00:00","date_gmt":"2017-01-03T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/neu.luwianstudies.org\/interview-mit-eberhard-zangger-ueber-zeitungsberichte-und-expertenmeinungen-zum-buch-die-luwische-kultur\/"},"modified":"2017-01-04T00:00:00","modified_gmt":"2017-01-03T23:00:00","slug":"interview-mit-eberhard-zangger-ueber-zeitungsberichte-und-expertenmeinungen-zum-buch-die-luwische-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/luwianstudies.org\/de\/interview-mit-eberhard-zangger-ueber-zeitungsberichte-und-expertenmeinungen-zum-buch-die-luwische-kultur\/","title":{"rendered":"Interview mit Eberhard Zangger \u00fcber Zeitungsberichte und Expertenmeinungen zum Buch \u201eDie luwische Kultur\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Aus den j\u00fcngsten Zeitungsartikeln erh\u00e4lt man den Eindruck, dass Journalisten Ihrem Buch tendenziell positiv gegen\u00fcberstehen, w\u00e4hrend es Fachleute kritisch beurteilen. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das? <\/em><\/p>\n<p>Die Journalisten haben das Buch bekommen, darin gelesen, das Video meines Vortrags angeschaut und meistens auch ausf\u00fchrlich mit mir telefoniert. Nichts deutet darauf hin, dass jemand der bisher konsultierten Fachleute das Buch gesehen, geschweige denn darin gelesen hat. Ich gehe davon aus, dass diese Fachleute auf ihre wissenschaftliche Sorgfalt und Gr\u00fcndlichkeit stolz sind. Dessen ungeachtet scheuen sie sich nicht, ihre aus der Lekt\u00fcre von Zeitungsartikeln hervorgegangenen Vorurteile und Bauchgef\u00fchle in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen.   <\/p>\n<p><em>In wenigen Worten, worum geht es Ihnen wirklich?<\/em><\/p>\n<p>Erstens darum, dass die Mittel- und Sp\u00e4tbronzezeit in Westkleinasien im Vergleich zu Griechenland, Kreta und Zentralkleinasien zu wenig erforscht ist. Zweitens darum, dass man eine so gro\u00dfe Region nur durch die Kombination von bereits vorhandenem arch\u00e4ologischen Wissen und modernen naturwissenschaftlichen Methoden erfassen kann. Drittens darum, dass man die geschichtlichen Abl\u00e4ufe wohl kaum verstehen wird, indem man sie in ihre Einzelteile zerlegt. Stattdessen m\u00fcssen wir die uns verf\u00fcgbaren Quellen, also die Dokumente und den arch\u00e4ologischen Befund, zusammen betrachten. Es geht auch darum, ausgesprochen komplexe Themen verst\u00e4ndlicher zu machen, zum Beispiel indem man sie geschickt illustriert. Und es geht darum, Anregungen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Untersuchungen zu liefern.     <\/p>\n<p><em>Laut den Zeitungsartikeln sprechen Sie von einer Gro\u00dfmacht, die bisher \u00fcbersehen wurde. Stimmt das? <\/em><\/p>\n<p>Nein, davon kann \u00fcberhaupt gar keine Rede sein. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie der Begriff <em>Gro\u00dfmacht<\/em> in die Berichterstattung gekommen ist, in meinem Buch findet er sich nur einmal in einem Zitat aus dem Jahr 1946. Meines Erachtens gab es am Ende der Bronzezeit keine Gro\u00dfm\u00e4chte im \u00f6stlichen Mittelmeerraum. Die meisten Regionen waren in Form von Kleink\u00f6nigreichen organisiert und daher politisch zerst\u00fcckelt. Das gilt sicher f\u00fcr Griechenland, Syrien, Kanaan und auch f\u00fcr Westkleinasien. Bestenfalls waren diese Regionen vor\u00fcbergehend f\u00f6deralistisch organisiert. In diesen Zeiten hing ihre politische und milit\u00e4rische Macht davon ab, wie viel Gewalt bei den einzelnen F\u00fcrsten und wie viel beim tonangebenden Herrscher lag.       <\/p>\n<p><em>Michael Galaty sagt, dass ein milit\u00e4rischer Zusammenschluss internationaler Kriegsf\u00fchrung entspr\u00e4che und dass es daf\u00fcr am Ende der Bronzezeit keine Anzeichen gibt. Wie sehen Sie das? <\/em><\/p>\n<p>Unsere Informationen \u00fcber die politische und milit\u00e4rische Organisation stammen eigentlich komplett aus den Dokumenten der damaligen Zeit und aus sp\u00e4teren Texten, die sich auf das heroische Zeitalter beziehen. Diesen Dokumenten zufolge gab es h\u00e4ufig milit\u00e4rische Allianzen und auch Konf\u00f6derationen. Die sogenannten Seev\u00f6lker-Inschriften f\u00fchren ja ausdr\u00fccklich die einzelnen an den \u00dcberf\u00e4llen beteiligten St\u00e4mme auf. Wir erfahren in den Inschriften \u00fcber die Schlacht von Kadesch, wer dem hethitischen Gro\u00dfk\u00f6nig Muwatalli II. zur Seite stand. Wir kennen das A\u0161\u0161uwa-B\u00fcndnis aus der Zeit um 1400 v. Chr., in dem sich 22 Kleinstaaten in Westkleinasien zusammengeschlossen hatten. Es gibt auch verschiedene Texte aus Hattu\u0161a, in denen der Gro\u00dfk\u00f6nig B\u00fcndnisse erw\u00e4hnt, die sich gegen ihn formierten. Schlie\u00dflich haben wir auch den Schiffskatalog und die Auflistung der trojanischen Kontingente in der Ilias, wo im Detail aufgef\u00fchrt ist, wie sich die Heere zu beiden Seiten der \u00c4g\u00e4is zusammensetzten. Dies sind aber nur die bekanntesten Quellen f\u00fcr milit\u00e4rische B\u00fcndnisse. Es gibt noch viele weitere.        <\/p>\n<p><em>Handelte es sich bei den Luwiern tats\u00e4chlich um ein bisher \u00fcbersehenes Volk?<\/em><\/p>\n<p>Meines Erachtens nicht, jedenfalls war es nicht meine Intention, so etwas zu behaupten. Ich spreche ausdr\u00fccklich nicht von Ethnie, sondern von der Jurisdiktion. Es geht nicht um den Begriff Volk, sondern um die Region. Nicht das Volk der Luwier ist zu wenig erforscht, sondern die Region Westkleinasien, unabh\u00e4ngig davon, welcher Ethnie die damaligen Einwohner zugeordnet werden k\u00f6nnen.     <\/p>\n<p><em>J\u00f6rg Klinger sagt, von einem geschlossenen Volk auszugehen entspreche der Denkweise von vor hundert Jahren. Wie sehen Sie das? <\/em><\/p>\n<p>Das sehe ich genauso. Um die Kommunikation zu erleichtern, hat man vor rund hundert Jahren Begriffe eingef\u00fchrt wie <em>die<\/em> Mykener, <em>die<\/em> Minoer und <em>die<\/em> Hethiter. Heute wissen wir, dass diese Begriffe irref\u00fchrend sind. Achilles, wenn es ihn denn gegeben h\u00e4tte, w\u00fcrde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn man ihn als Mykener bezeichnen w\u00fcrde. Diese Denkweise ist tats\u00e4chlich veraltet \u2013 was J\u00f6rg Klinger allerdings nicht davon abgehalten hat, ein Buch mit dem Titel \u00ab<em>Die Hethiter<\/em>\u00bb zu verfassen. Das Problem ist, dass sich die \u00c4g\u00e4ische Fr\u00fchgeschichte heute noch weitgehend der Denkmodelle von vor hundert Jahren bedient. In diesen Modellen klafft eine gro\u00dfe L\u00fccke in Westkleinasien. Bisher hat man diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen versucht, in dem man die Einflussbereiche der mykenischen und der hethitischen K\u00f6nige immer weiter ausdehnte. Ich h\u00e4tte die Akzeptanz meiner Grundthese erleichtert, wenn ich von \u00abwestkleinasiatischen Staaten\u00bb gesprochen h\u00e4tte. Da die Begriffe Mykener, Minoer und Hethiter etabliert und gebr\u00e4uchlich sind, habe ich der Einfachheit halber die Menschen, die damals Westkleinasien lebten, als Luwier bezeichnet. Es bleibt aber ein abstrakter, vereinfachender Begriff und keine ethnische Bezeichnung. Dies wird in meinen Publikationen \u00fcberaus deutlich gemacht.           <\/p>\n<p><em>Es hei\u00dft, Sie kritisieren die etablierte Arch\u00e4ologie. Stimmt das? <\/em><\/p>\n<p>Ganz eindeutig kritisiere ich die Modelle, die vor hundert Jahren herrschten, als die \u00c4g\u00e4ische Fr\u00fchgeschichte definiert wurde. Meines Wissens machen das aber eigentlich alle Arch\u00e4ologen. Die derzeitige Diskussion findet allerdings auf einem derma\u00dfen tiefen Niveau statt, dass Kritik an der arch\u00e4ologischen Methodik \u2013 deswegen \u2013 nun zwingend erforderlich wird. Die Oberfl\u00e4chlichkeit und die Verzerrungen in den Medien sorgen daf\u00fcr, dass Leute, die in ihrem Urteil der Arch\u00e4ologie bisher wohlwollend gegen\u00fcberstanden, jetzt tendenziell eher kritisch sein werden. Wir haben eine vergleichbare Entwicklung beim Troja-Streit erlebt. Der Arch\u00e4ologie fehlt im deutschsprachigen Raum offensichtlich eine Kultur, bei der auf Augenh\u00f6he debattiert wird, ohne sich pers\u00f6nlich zu verletzen.     <\/p>\n<p><em>Wie ist es im Falle Ihres Buches zu der Polarisierung gekommen?<\/em><\/p>\n<p>Rekapitulieren wir den Prozess. Ein Buch kommt auf den Markt. Der Autor sendet einem Wissenschaftsjournalisten ein Exemplar. Der Wissenschaftsjournalist w\u00e4hlt aus den vielen im Buch angesprochenen Aspekten ein Thema aus, das ihm f\u00fcr ein gro\u00dfes Publikum m\u00f6glichst interessant erscheint. In seiner Berichterstattung dreht sich dann alles nur noch um dieses eine Thema, obwohl es f\u00fcr den Autor vielleicht von v\u00f6llig untergeordneter Bedeutung war. Damit die Sache Leser findet, wird sie spektakul\u00e4r aufgebauscht und zum Nullten Weltkrieg erkl\u00e4rt. So wird der Bericht zur Karikatur dessen, was das Buch eigentlich sagen wollte. Diese Karikatur wird jetzt Fachleuten vorgehalten, die weder den Autor noch seine bisherigen Publikationen kennen und das aktuelle Buch noch nie in H\u00e4nden gehalten haben. Von den Fachleuten wird erwartet, dass sie sich m\u00f6glichst differenziert zu etwas \u00e4u\u00dfern, was offensichtlich nur eine Fratze ist. Zwangsl\u00e4ufig ist ihr Kommentar vernichtend. Sie bemerken dabei gar nicht, dass ihre Vorgehensweise und die Qualit\u00e4t ihrer Kommentare letztlich noch weniger Substanz haben und angreifbarer sind als das eigentliche Objekt ihrer Kritik. Es ist erschreckend, auf welch tiefem Niveau sich die wissenschaftliche Dialektik befindet. Trost verschafft einem allenfalls die Erkenntnis, dass dies in den letzten hundert Jahren zu allen Zeiten so war. Den Forschern, denen wir die wichtigsten Entdeckungen in der Arch\u00e4ologie Kleinasiens verdanken, haben deren Kollegen das Leben schon immer sehr schwer gemacht.               <\/p>\n<p><em>Wie geht es weiter?<\/em><\/p>\n<p>Die Naturwissenschaften halten Einzug in die Arch\u00e4ologie, daran f\u00fchrt kein Weg vorbei. Was wir zurzeit sehen, ist ein Aufb\u00e4umen von Autorit\u00e4ten, die, so wie einst Manfred Korfmann, das Interpretationsmonopol f\u00fcr ihre Fundst\u00e4tte bzw. f\u00fcr ihr definiertes Themengebiet beanspruchen. Sie sind die Vertreter einer Gesellschaft, die im Sinne des Obrigkeitsstaats hierarchisch organisiert ist. In vielen Teilen der Gesellschaft haben wir gesehen, wie diese Denkweise durch den Verhandlungsstaat ersetzt wurde, in dem letztlich die Qualit\u00e4t und \u00dcberzeugungskraft der Argumente entscheidet. So wird es auch in der Arch\u00e4ologie sein. Die Platzhirsche sterben aus, wie die Industriebarone der 1960er Jahre. Ersetzt werden sie durch Technokraten und Pragmatiker, die m\u00f6glichst effizient und effektiv echte L\u00f6sungen f\u00fcr die anstehenden Probleme entwickeln.     <\/p>\n<p><em>Ihr Fazit?<\/em><\/p>\n<p>Mein Buch schlie\u00dft mit der Aufforderung: Grabt \u2013 und bitte, grabt tiefer! Das w\u00fcrde ich heute erg\u00e4nzen mit: Lest! Und bitte, lest mehr und genauer! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus den j\u00fcngsten Zeitungsartikeln erh\u00e4lt man den Eindruck, dass Journalisten Ihrem Buch tendenziell positiv gegen\u00fcberstehen, w\u00e4hrend es Fachleute kritisch beurteilen. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das? 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