Luftaufnahme von Troja

Wenn Polemik die Forschung verdrängt

Wie kommt es, dass eine wissenschaftlich publizierte Hypothese diskreditiert wird, ohne dass ihre Argumente systematisch widerlegt wurden? Dieser Frage geht Eberhard Zangger, Präsident der Stiftung Luwian Studies, in einem neuen Aufsatz nach, der in der Fachzeitschrift Scientific Culture erschienen ist.

Unter dem Titel „Epistemic Authority and Boundary Work in an Archaeological Controversy: The Troy–Atlantis Case“ untersucht Zangger die Mechanismen wissenschaftlicher Autorität am Beispiel einer seit mehr als drei Jahrzehnten andauernden Kontroverse. Im Mittelpunkt steht seine 1992 erstmals vorgestellte Hypothese, wonach Platons Atlantis-Erzählung eine verzerrte historische Erinnerung an den Trojanischen Krieg bewahren könnte.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist ein 2018 erschienener Beitrag des Tübinger Prähistorikers Stephan Blum in einem Sammelband mit dem Titel Fakten und Fiktionen: Archäologie vs. Pseudowissenschaft. Zangger zeigt, dass Blums Kritik die einschlägigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Troja-Atlantis-Hypothese vollständig übergeht. Sie stützt sich stattdessen auf ein populärwissenschaftliches Buch von 1992 und wiederholt auf Wikipedia. Die ursprüngliche Hypothese war hingegen bereits 1993 nach einem einjährigen Begutachtungsverfahren im Oxford Journal of Archaeology erschienen und seither in mehreren Fachpublikationen weiterentwickelt worden.

Der neue Aufsatz dokumentiert zudem zahlreiche geoarchäologische Befunde, historische Karten und Hinweise auf mögliche künstliche Hafenanlagen in der Ebene von Troja. Obwohl entsprechende Untersuchungen bereits vor fast 30 Jahren vorgeschlagen wurden, fehlt bis heute eine systematische geophysikalische Erkundung der Talaue unterhalb des Burghügels von Troja. Mithilfe moderner Fernerkundungsverfahren könnte geklärt werden, ob sich unter mehreren Metern Sedimenten ausgedehnte bronzezeitliche Siedlungs- und Hafenstrukturen verbergen.

Die zentrale Aussage der Studie reicht weit über Troja und Atlantis hinaus: Wissenschaftliche Hypothesen sollten anhand ihrer Methoden, Befunde und überprüfbaren Vorhersagen beurteilt werden – und nicht aufgrund institutioneller Zugehörigkeiten oder reputationsbezogener Zuschreibungen. Werden kontroverse Ansätze durch Etikettierung aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen, bevor sie empirisch geprüft wurden, kann wissenschaftliche Autorität selbst zum Hindernis für neue Erkenntnisse werden.

Der 20-seitige, frei zugängliche Aufsatz ist in Scientific Culture, Band 12, Nr. 4 (2026), S. 4144–4163 erschienen.

Publikation: Eberhard Zangger (2026): Epistemic Authority and Boundary Work in an Archaeological Controversy: The Troy–Atlantis Case.