Am 17. Juli 2026 wird die lang erwartete Verfilmung von Christopher Nolan Homers Epos wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücken. Doch eine grundlegende Frage bleibt überraschenderweise offen: Worum geht es in der „Odyssee“ eigentlich?
Ein heute in The Ancient Near East Today veröffentlichter Artikel von Eberhard Zangger vertritt die These, dass es sich bei der „Odyssee“ nicht in erster Linie um eine Erzählung von abenteuerlichen Seereisen handelt, sondern um eine tiefgründige Reflexion über Erinnerung, Verlust und den Zusammenbruch der Welt der Bronzezeit.
Der Artikel konzentriert sich auf einen der rätselhaftesten Abschnitte des Epos: Odysseus’ Aufenthalt in Scheria, dem Land der Phaiaken. Anstatt Scheria als bloßen geografischen Ort zu interpretieren, schlägt Zangger vor, dass es sich dabei um einen bewussten literarischen Rückblick auf die blühende Welt handelt, die vor dem Trojanischen Krieg existierte. Nach dieser Lesart zwingt Homer Odysseus dazu, noch einmal der Zivilisation zu begegnen, zu deren Untergang er selbst durch die List mit dem Trojanischen Pferd beigetragen hat.
Der Aufsatz greift auch die seit langem anerkannten Parallelen zwischen Scheria und Platons Atlantis auf. Anstatt davon auszugehen, dass Platon Homers Beschreibung einfach übernahm, vermutet Zangger, dass beide Autoren auf das gemeinsame kulturelle Gedächtnis einer blühenden Zivilisation der Spätbronzezeit zurückgreifen, an die man sich nach ihrem Untergang erinnerte.
Aus dieser Perspektive nehmen die berühmten Abenteuer mit Zyklopen, Sirenen und anderen Fabelwesen eine überraschend andere Rolle innerhalb des Epos ein. Strukturell erscheinen sie eher als Geschichten, die Odysseus am Hof der Phaiaken erzählt, und nicht als narrativer Mittelpunkt des Epos. Der eigentliche dramatische Schwerpunkt liegt im Kontrast zwischen Scheria, der in Erinnerung gebliebenen Welt der Ordnung, und Ithaka, wo die politischen und sozialen Folgen des Zusammenbruchs der Spätbronzezeit bereits sichtbar geworden sind.
Der Artikel knüpft an das langjährige Interesse der Stiftung Luwian Studies am historischen Hintergrund der homerischen Überlieferung sowie am Ende der Bronzezeit an. Er lädt die Leserschaft dazu ein, eines der bekanntesten Werke der Weltliteratur aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten.
Lesen Sie den vollständigen Artikel in The Ancient Near East Today.
