Joseph von Exeter



Der Engländer Joseph von Exeter stützte sich weitgehend auf Dares von Phrygien, als er im 12. Jh. sein Gedicht De bello Troiano verfasste. Obschon seit der Zerstörung Trojas zu diesem Zeitpunkt bereits über zweitausend Jahre vergangen waren, entsprechen einzelne Aussagen erstaunlich genau den Grabungsbefunden. Völlig offen ist, wie sich detaillierte Informationen aus der Zeit des Trojanischen Kriegs bis ins Mittelalter bewahrt haben könnten.

Kenntnisstand

Joseph von Exeter (lat. Iosephus Iscanus) war ein Kleriker und Schriftsteller des 12. Jh., der in Exeter in Devon lebte und Gedichte in lateinischer Sprache verfasste. Sein bekanntestes Werk ist das in Hexametern gedichtete Epos De bello Troiano, das er etwa 1190 abschloss. Danach nahm er am dritten Kreuzzeug teil, von dem er 1194 wohlbehalten zurückkehrte.

Josephs Epos liefert die zur damaligen Zeit am weitesten verbreitete Fassung der Geschichte vom Trojanischen Krieg, beginnend mit Iason und den Argonauten. Im Gegensatz zu seiner wichtigsten Vorlage, Dares, zeigt Joseph eine lebendige Vorstellungskraft und Ausdrucksstärke; er schmückt die Vorlage aus und fügt verschiedene Episoden hinzu, ohne dass wir seine Quellen kennen würden.

Anregungen

„Zweimal fiel die Stadt in Schutt und Asche“

Die Grabungsbefunde von Hisarlık entsprechen erstaunlich genau einzelnen Aussagen aus den mittelalterlichen Troja-Romanen, obgleich die Stadt, als diese Texte entstanden, bereits seit über zweitausend Jahren zerstört war. Sich auf den Dares-Bericht stützend, erzählt Joseph von Exeter, wie Troja zweimal in relativ kurzen Abständen Überfällen zum Opfer fiel. So beginnt sein Gedicht:

Mein Klagelied handelt von den Tränen der trojanischen Frauen und von Troja, das man seinem Schicksal überließ. Zweimal zogen die Anführer in den Krieg – zweimal fiel die Stadt in Schutt und Asche.

Joseph von Exeter, 1.1

Archäologen fanden Beweise für zwei gewaltsame Zerstörungen von Troja (VIh und VIIa), aber von manchen wird die erste Zerstörung Erdbeben zugeschrieben. – Außerdem schildert Joseph, dass eine Mauer von Troja eingerissen worden sei; deren Reste wurden tatsächlich gefunden. In seiner Überlieferung heißt es, ein gewisser Aiakos aus Ägina sei an den Bauarbeiten für die Festungsmauer beteiligt gewesen. Er habe absichtlich eine Schwachstelle in der Konstruktion angelegt und seinem Sohn Telamon von Salamis davon erzählt. Dieser wiederum gehörte zu Herakles’ Truppe, die beim ersten Überfall auf Troja dabei war:

Listig schleicht sich Telamon heran und bezwingt den Widerstand der Steine mit seiner Eisenstange. Und nun, da die durchbrochene Mauer im Begriff ist einzustürzen, tritt er zurück.

Joseph von Exeter, 1.415

Die Verletzlichkeit der Mauer Ilions an einer bestimmten Stelle taucht in verschiedenen Quellen auf, darunter auch bei Homer, der sagt, Troja sei „beim Feigenbaum“ am verwundbarsten (Ilias 6.431). Die Ausgrabungen des deutschen Troja-Forschers Wilhelm Dörpfeld haben eine solche Schwachstelle in der Befestigungsmauer offengelegt. Die Mauer war komplett umgefallen, was Dörpfeld als Folge eines Erdbebens interpretierte. Auch der anschließende Wiederaufbau (Troja VIIa) mit engen Gassen und zahlreichen Vorratsgefäßen kommt in diesen Berichten zur Sprache.

Die Verse des Joseph von Exeter liefern überdies eine lebendige Beschreibung des zum Teil künstlichen Verlaufs des Flusses Dümrek, die in der uns heute überlieferten Fassung des Dares nicht enthalten ist. Ob diese Passage aus einer ursprünglichen Dares-Fassung oder einer anderen Quelle stammt, ist nicht klar:

Der Fluß Simois bewässert das Umland, während er aus einer anderen Welt heranfließt, um Troja zu sehen. Mit seiner langen Reise durch so viele Königreiche und Städte hätte er sich gern das Recht erworben, am Ende wie ein trojanischer Fluß ins Meer hinauszufließen. Und während er in endlosem Erstaunen auf Troja blickt, verzögert er seinen schwankenden Lauf, hemmt seinen schon trägen Fluß und umringt so die ganze Stadt. Das Meer zürnt, weil er zögert, in seine Fluten zu rinnen, und es schäumt noch gewaltiger heran, zwingt den kleineren Fluß aus seiner Bahn, so daß es geradewegs zur Stadt gelangen kann. Man könnte meinen, sie stritten darum, wer noch näher gelangen könnte, so war das Treffen der beiden Ströme, so war das beständige Brüllen des gegenseitigen Kampfes.

Joseph von Exeter, 1.524-536

Es sieht also ganz so aus, als hätten sich zutreffende Informationen aus der Zeit des Trojanischen Kriegs in Form von Niederschriften überlieferter Berichte bis ins Mittelalter bewahrt. Auf jeden Fall ist Homer keineswegs die einzige, nicht einmal die beste Quelle, die uns Anregungen zum möglichen Aussehen des spätbronzezeitlichen Troja liefert.

Literatur

Bate, Alan Keith (1986): Joseph of Exeter: Trojan War I-III. Aris & Phillips, Warminster, Wiltshire, 1-193.


Sofort baute Priamos die Stadt wieder auf und erweiterte sie über eine größere Fläche. Ein stärkeres trojanisches Bollwerk hielt griechische Angreifer fern. Der Schaden an der Mauer wurde ausgebessert, so daß sie nun besser war als zuvor, und die Mauer erweitert, um sechs Tore zuzulassen. … Jetzt waren die Trojaner froh, daß ihre Zinnen gefallen waren, denn das Bollwerk war nun größer und der Verlust in Wirklichkeit ein Gewinn.

Joseph von Exeter 1190, De bello Troiano 1.485